55 | Angst vor der Angst | Blogroman

Sodele, endlich – nach einer ewig langen Pause – gibt es wieder ein neues Blogroman-Kapitel. Ich hatte nicht vorgehabt, dermaßen lange zu pausieren und eigentlich wollte ich das neue Kapitel schon vor einer Woche hochladen, aber da hat mir die Magen-Darm-Grippe einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Jetzt ist es aber endlich fertig und ich bin gespannt auf dein Feedback.

Da die Pause wirklich lang war, hier nochmal eine kurze Wiederholung, was im vorherigen Kapitel passiert ist:

Dany ging es nicht gut. Sowohl der Streit mit Claudia (wegen der Aktion mit Dr. Siepers) als auch die Probleme von Uli (häusliche Gewalt) belasten sie sehr. Sie denkt ständig nur an ihre beiden Freunde und versucht, eine Lösung zu finden.

So passiert es, dass sie im Unterricht abgelenkt ist. Als Frau Pätzold sie aufruft, muss sie zugeben, dass sie nicht aufgepasst hat. Sie soll ein Stück aus dem Englischbuch vorlesen, doch dabei kommt es zu einem Ohnmachtsanfall.

Sie erwacht wieder auf der Krankenstation und berichtet der Schulkrankenschwester, dass sie glaube, einen Herzanfall erlitten zu haben. Doch diese hat einen anderen Verdacht: Dany hatte eine heftige Panikattacke.

So, und jetzt viel Spaß mit dem 55. Kapitel. :) Feedback ist natürlich immer willkommen.

55. Kapitel: Angst vor der Angst

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Eine Panikattacke? Was sollte diese dämliche Behauptung denn? 
»So ein Blödsinn. Ich hatte keine Angst. Mir war schwindlig und schlecht und ich hatte Herzrasen. Ich dachte ich würde sterben.«
»Genau so fühlt sich eine Panikattacke an. Sie kommt völlig ohne Vorwarnung und kann in seltenen extremen Fällen sogar dazu führen, dass man kurz das Bewusstsein verliert.«
Ich schnaube und schüttle den Kopf. »Wollen Sie damit sagen, dass ich verrückt bin?«
»Nein, das auf keinen Fall. Nur weil man psychische Probleme hat, heißt das nicht automatisch, dass man dem Wahnsinn verfällt. Aber Panikattacken sind oftmals Warnzeichen, dass die Psyche überlastet ist. Manchmal bekommt man nur einmal eine Panikattacke und dann nie wieder. Aber wenn sich das häuft, sollte man sich behandeln lassen.«
Stumm starre ich auf meine Hände, die noch immer die Tasse umklammern. Ich fühle mich ertappt, aber gleichzeitig auch erleichtert. Ich weiß, dass ich mich jemandem anvertrauen muss, dass ich auf die Vernunftstimme in meinem Kopf hören sollte. Doch ich kann nicht. Ich kann es einfach nicht.
»Das kommt bestimmt nicht wieder vor«, sage ich leise. 
Frau Zadek hebt die Schultern. »Das wird sich zeigen. Wichtig ist, dass du es nicht versteckst. Wenn noch mehr Panikattacken auftreten, komm bitte sofort zu mir, okay? Oder du kannst auch mal mit Herrn Wendt darüber sprechen. Als Schulpsychologe ist er dafür ausgebildet.«
Ich schüttle lächelnd den Kopf. »Danke, aber das ist sicher nicht nötig.« Ich bemühe mich, sicher und zuversichtlich zu klingen. 
Frau Zadek erwidert mein Lächeln. Offensichtlich habe ich sie überzeugt. »Gut, dann kannst du gehen, sobald deine Tasse leer ist.«

Wenig später durchquere ich das Foyer auf dem Weg zur Treppe. Die große Uhr an der Wand verrät mir, dass der Unterricht in einer knappen Stunde vorbei ist. Deshalb beschließe ich, direkt in unser Zimmer zu gehen. Ich rede mir ein, dass es sich ohnehin nicht mehr lohnt, in die Klasse zurückzukehren. In Wirklichkeit ist mir das Geschehene furchtbar peinlich und ich habe keine Lust auf die blöden Fragen und komischen Blicke meiner Mitschüler. Es genügt, wenn ich mich morgen damit auseinandersetzen muss. Ich schließe die Zimmertür auf und betrete den Raum. Es ist kalt und düster, genau wie das Wetter draußen. Ich drehe die Heizung hoch und werfe mich auf mein Bett. 

Sofort kreisen meine Gedanken wieder und ziehen mich in einen Strudel der unterschiedlichsten Gefühle. Schuld, Verlustangst, Verzweiflung. Irgendwie muss ich dieses Chaos wieder auf die Reihe bekommen. Aber mit Frau Zadek oder Herrn Wendt darüber zu sprechen ist keine Option und dass ich Herrn Siebling nicht informiere, habe ich Uli ja versprochen. 

Ich höre leise Stimmen vom Schulhof, während in meinem Zimmer Totenstille herrscht. Lediglich das Rasseln meines eigenen Atems dröhnt in meinen Ohren.

Und mein Herzschlag. Das beschert mir Übelkeit. 

 Der Lattenrost vom Bett über mir verschwimmt. Ich blinzle wild. Meine Finger krallen sich in die Matratze unter mir. Ruhig atmen! Ganz ruhig und tief durchatmen! Ich schließe die Augen für einen Moment, doch dadurch wird der Schwindel noch stärker.

Es passiert wieder! Es darf nicht wieder passieren! Diesmal ist niemand da, der mir hilft, wenn ich das Bewusstsein verliere …

 Ich reiße die Augen auf. Kerzengerade sitze ich im Bett, halte meine Brust und atme laut und stoßweise. Tränen schießen mir in die Augen, als mich eine Hitzewelle erfasst und mir den Schweiß aus den Poren treibt. Ich springe aus dem Bett und wische mir mit dem Ärmel übers Gesicht. 

Ich muss hier raus. Ich muss an einen belebten Ort, wo ich abgelenkt werde und nicht pausenlos an meine Probleme denke.

Ich stürme aus dem Zimmer und haste den Flur entlang. Wo soll ich hin? Doch in die Klasse? Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich dagegen und gehe stattdessen in die Bibliothek. Das ist zwar nicht gerade ein Rummelplatz, aber ein paar Leute sind auch um diese Zeit dort. Zumindest bin ich dort nicht ganz allein und der bleiernen Stille ausgesetzt. Frau Erler begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln. Ich lächle zurück und in mir breitet sich eine wohlige Wärme aus. Ja, hier bin ich sicher. Hier wäre notfalls immer noch die Bibliothekarin da, die sich um mich kümmert. 

Ich streife durch die Regale, ziehe hier und da mal ein Buch heraus, das sich interessant anhört, und lande schließlich mit einem kleinen Stapel in einer der Sitzecken. Ein Buch nach dem anderen nehme ich mir vor und blättere ein bisschen darin herum, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Die Angst, wieder Panik zu bekommen, ist so präsent, dass mir durchweg ein bisschen schwindlig ist. Ich sehe immer wieder auf, um mich zu versichern, dass ich nicht ganz alleine bin.

Schließlich gelingt es einem Bildband über Vulkane in Indonesien, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was für ein zauberhafter Anblick! Obwohl ich froh bin, dass es in Deutschland keine aktiven Vulkane gibt, keimt in mir der Wunsch auf, diesen Ort irgendwann einmal zu besuchen. Vielleicht kann ich nach dem Abi ja Work & Travel in Indonesien machen oder so was. Die Idee beflügelt mich und für einen Moment macht sich eine herrliche Leichtigkeit in mir breit. Ich gebe mich mir hin, schließe die Augen und träume mich in dieses ferne Land. Ich sehe den Bromo, wie Qualm aus seinem Krater steigt. Hitze kribbelt auf meiner Haut und ich kann die Asche förmlich riechen. 

»Schläfst du?«

Ich reiße die Augen auf. Claudia steht vor mir, einen Stapel Bücher auf dem Arm. Sie deutet mit dem Kopf auf den freien Platz gegenüber von mir. 
»Darf ich?«
Verwundert nicke ich stumm.
»Bist du auf den Mund gefallen, oder was?« Claudia grinst mich an und nimmt Platz.
»N-nein, ich – ich bin nur überrascht.«
Claudia hebt eine Augenbraue und wirft ihr langes Haar zurück.
»Ich meine, ich bin überrascht, weil du mit mir redest«, füge ich schnell hinzu.
»Na ja, ich kann ja nicht ewig sauer sein.«
»Dann heißt das – du verzeihst mir? Einfach so?« Ein Flämmchen der Hoffnung entzündet sich und bringt mein Herz zum Tanzen.
Claudia runzelt die Stirn und kaut auf ihrer Unterlippe herum. »Weißt du, Dany, die Sache mit Dr. Siepers war echt daneben. Aber dass ich so ausgerastet bin, war vielleicht auch nicht so ’ne tolle Aktion. Ich meine, du hast es ja nur gut gemeint.«
»Ja! Ja, das hab ich! Ich wollte dich damit wirklich nicht verletzen und ich fühle mich so dumm deswegen.«
Claudia fasst über den Tisch und nimmt meine Hände. Sie sieht mir tief in die Augen und alles in mir kribbelt. 
»Du bist nicht dumm. Vielleicht manchmal ein bisschen naiv, aber das ist okay. Dafür mag ich dich ja so.« Sie zwinkert mir zu.
Ich muss lachen, so erleichtert bin ich. »Ich mag dich auch, Claudia.«
Sie bekommt rote Wangen. »Ich weiß.«
»Und ich hab dich vermisst. Wirklich sehr vermisst. Ich habe dich einfach in mein Herz geschlossen und – das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich hatte echt Angst, dich für immer verloren zu haben.« 
Ich hätte ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass Claudia mir einfach so verzeiht. Sie muss in den letzten Tagen viel nachgedacht haben. Genau wie ich. Und offensichtlich habe ich ihr auch gefehlt. Auch wenn sie es nicht ausspricht. 
»Weißt du, worauf ich gerade wirklich Bock hätte?«, fragt sie.
»Nein, was?«
Claudia grinst schief und zieht einen Schlüssel aus der Hosentasche. »SMV-Raum?«
Mehr braucht sie nicht zu sagen.


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Achtung!

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