Das verflixte Wort | abc.etüden 05/2021

Soo, nachdem ich mich entschlossen habe, beim #WritingFriday aus persönlichen Gründen erst mal zu pausieren, habe ich mich gleichzeitig in eine neue Aktion verguckt. Schon häufig ist sie mir über den Weg gelaufen, aber dafür entschieden, auch mitzumachen, habe ich mich erst jetzt.

Es geht um die abc.etüden der lieben Christiane von Irgendwas ist immer. Hierbei bekommt man in der Regel 3 Wörter vorgegeben und soll daraus innerhalb von zwei Wochen einen (oder mehrere) Text(e) mit maximal 300 Wörtern schreiben. Es sei denn, es ist ein fünfter Sonntag im Monat enthalten, dann gibt es eine Extraetüde (so wie diese hier). Dabei gilt: Eine Woche Zeit, fünf aus sechs Begriffen verwenden, maximal 500 Wörter schreiben.

Hier findest du die offizielle Schreibeinladung von Christiane.

Ich hab mein Glück mal versucht und herausgekommen ist „Das verflixte Wort“. Die Geschichte hat es mir sehr angetan, weil ich damit ein Thema anspreche, das oft unter den Tisch gekehrt wird. Ich hoffe, sie gefällt.

abc.etüden
Copyright: Christiane

Das verflixte Wort

„Mama, was heißt Zetermordio?“

Die Mutter ließ beinahe den Teigklumpen fallen, den sie gerate knetete. „Mensch, Max! Musst du dich immer so anschleichen?“

„Was machst du?“

„Ich backe den Kuchen für das Kaffeekränzchen morgen.“ Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, ehe sie sich wieder ihrem Teig zuwandte.

„Kommt Tante Hedwig schon wieder?“, seufzte der Junge und rollte, von seiner Mutter unbemerkt, mit den Augen.

„Ja, weißt du, seit Onkel Theo nicht mehr da ist, ist Tante Hedwig ganz allein. Deshalb kommt sie jetzt öfter zu uns.“

„Was heißt denn jetzt Zetermordio?“ Max zupfte seine Mutter an der Schürze, deren orange Farbe unter einer feinen Mehlschicht verschwunden war.

„Wo hast du denn das Wort schon wieder aufgeschnappt?“

„Tobis Papa hat das gesagt.“

„Dass der Kerl sich immer so geschwollen ausdrücken muss.“ Die Mutter bückte sich und holte eine Kuchenform aus der Schublade unter dem Backofen.

„Was heißt es denn? Was heißt es?“ Max hüpfte auf und ab. Offensichtlich wollte er sich nicht so leicht abspeisen lassen.

Die Mutter seufzte. „Hans?“, rief sie ins angrenzende Wohnzimmer. „Hans, was heißt Zetermordio?“

„Was?“, brüllte der Vater zurück, der vor dem Fernseher saß und ein Fußballspiel verfolgte.

Zetermordio! Was heißt das?“

Der Vater grummelte irgendetwas, was Max und seine Mutter in der Küche nicht verstehen konnten.

Aus dem Lautsprecher des Fernsehers drangen Fangesänge und das aufgeregte Gequake eines Sportmoderators.

„Geh mal zu Papa und frag den. Der hat Zeit, dir zu erklären, was Zetermordio heißt.“

Max nickte widerwillig und huschte ins Wohnzimmer. Sein Vater nahm gerade einen Schluck aus seiner Bierflasche. Die Fernbedienung hielt er wie ein Zepter, der restliche Anblick erinnerte allerdings ganz und gar nicht an einen König.

„Papa, was heißt Zetermordio?“

„Hm?“ Sein Vater wischte sich ein paar Chipskrümel vom Bauch.

Zetermordio! Tobis Vater hat gesagt, dass ich seiner Frau nicht erzählen darf, dass er auf dem Balkon geraucht hat. Sonst schreit sie Zetermordio.“

„Na, das ist doch ganz klar.“ Der Vater nahm noch einen Schluck und stellte die leere Bierflasche zu den zwei anderen. „Also, Zetermordio heißt, dass … TOOOOOOOR!!!!“ Er sprang aus seinem Sessel und klatschte in die Hände. „Müller, du Goldjunge! Er hat ihn reingemacht! Ist das zu fassen! Hast du das gesehen, Max?“

Max nickte. Eigentlich interessierte es ihn nicht die Bohne, ob Müller ihn reingemacht hatte oder nicht. Aber sein Vater war so außer sich vor Freude, dass Max nicht wusste, wie er damit umgehen sollte. Erst als der Vater sich wieder setzte, versuchte Max es ein letztes Mal.

„Also, weißt du auch nicht, was Zetermordio heißt?“

Sein Vater zog die Augenbrauen zusammen. „Jetzt stell‘ nicht so blöde Fragen. Als Klugscheißer kannst du die Welt nicht erschüttern. Als richtiger Mann schon. Also, schau lieber das Spiel mit.“

„Ich will aber nicht das blöde Spiel anschauen“, schrie Max und stampfte. „Ihr seid beide dumm, aber ich will nicht dumm sein. Ich will so werden wie Tobis Vater!“ Wütend rannte der Junge in sein Zimmer.

Die traurigen Blicke seiner Eltern sah er nicht.


Achtung!

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18 Kommentare

  1. Der Vater ist ja äußerst sympathisch. 🙄 Ich versuche mich aber nicht aus dem Fenster zu lehnen, wenn es um Kinder großziehen geht. Sicher kann man einem Kind nicht immer gerecht werden und den traurigen Gesichtsausdruck der Eltern deute ich als Einsicht. Tolle Geschichte! Sehr realitätsnah.

    Gefällt 1 Person

    • Danke schön. Das freut mich sehr. Ja, ganz ehrlich, ich wusste am Ende selbst nicht, wer mir mehr leid tun soll: der Junge oder die Eltern? Ich habe echt großen Respekt vor Menschen, die Kinder großziehen. Und ja, Einsicht ist auf jeden Fall da. Und vielleicht auch etwas Scham.

      Gefällt 1 Person

  2. Na dann, herzlich willkommen bei den Etüdenverrückten, liebe Emma! :-D Du scheinst einige von uns ja schon zu kennen, also komm rum, setz dich an die Etüdenfeuer und schreib und diskutiere mit!
    Ich kann die Eltern verstehen, ich kann das Kind verstehen, und ich finde Tobis Vater voll okay – immerhin raucht er auf dem Balkon! ;-) Es wäre nur echt hilfreich, wenn die Eltern zugeben würden, dass sie etwas nicht wissen, statt blöde Sprüche zu machen … dann könnten sie sich auch den betretenen Gesichtsausdruck sparen. ;-)
    Eine Bitte hätte ich: Könntest du beim nächsten Mal die Schreibeinladung, von der du die Wörter hast, verlinken, damit es bei mir auch pingt? Du hast bisher nur meinen Blog verlinkt, das reicht dafür nicht.
    Samstagmorgenkaffeegrüße! Morgen gibt es neue Wörter! :-D

    Gefällt 1 Person

    • Hallo liebe Christiane,

      vielen Dank. Ja, ich bin bei ein paar anderen Mitstreiter*innen auf die Aktion aufmerksam geworden und wollte nun endlich auch mal mitmachen. :) Die 500 Wörter konnte ich ja gerade so noch einhalten, aber die 300 Wörter werden eine Herausforderung. Ich tue mir im Kurzhalten nämlich noch etwas schwer – aber genau deshalb ist die Aktion eine super Übung für mich. :)

      Oh, danke für den Hinweis wegen des Links. Ich habe die Schreibeinladung nachträglich noch verlinkt. Hat es bei dir gepingt?

      Liebe Grüße und ich freu mich auf die neuen Wörter!

      Emma

      Gefällt 1 Person

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