Zweite Begegnung | #WritingFriday KW04/2021

Vor ein paar Wochen habe ich ja bereits beim #WritingFriday die kleine Geschichte „Unverhofftes Glück“ geschrieben. Die liebe Judith von mutigerleben hat sich eine Fortsetzung gewünscht und da ich ehrlich gesagt auch wissen wollte, wie es mit Heiko und Melanie weitergeht, habe ich mich mal für diese letzte Januar-Aufgabe drangesetzt. Vielleicht wird es auch für diese Fortsetzung eine Fortsetzung geben, denn irgendwie habe ich die beiden total ins Herz geschlossen.

Für alle, die die Aktion #WritingFriday nicht kennen: Jeden Monat gibt uns Elizzy auf ihrem Blog fünf Schreibthemen an die Hand, aus der wir immer freitags eines auswählen und darüber schreiben dürfen.

Mein heutiges Thema:

Schreibe eine Geschichte und lass folgende Wörter mit einfließen: Schnee, herrlich, kristallklar, aufgeregt, Wollmütze.

#WritingFriday 2021
Copyright: Elizzy

Zweite Begegnung

Laut schnaufend kämpfte ich mich durch den tiefen Schnee. Es hatte in den letzten Stunden so viel geschneit, dass ich bis zu den Knöcheln darin versank. Auch wenn der Himmel inzwischen azurblau war und die Eiszapfen an den Giebeln kristallklar in der Sonne glitzerten, herrschte klirrende Kälte. Wenigstens waren die dicken Wolken verschwunden. Hier und da hatten die Anwohner den Bürgersteig von den Schneemassen befreit, doch in den kleinen Seitenstraßen war das größtenteils noch nicht passiert.

Als ich um die Ecke bog, blieb ich wie angewurzelt stehen. Vor dem Nachbarhaus stand Heiko und schaufelte die Einfahrt frei. Mein Herz galoppierte wie ein wildes Pferd in meiner Brust. Scheiße, war ich auf einmal aufgeregt! Ich stellte die vollen Einkaufstaschen ab, fummelte an meinem Schal und meinen Haaren herum und wischte mir die Kältetränen aus den Augen. Anschließend nahm ich ein paar tiefe Atemzüge, ehe ich mich langsam wieder in Bewegung setzte.

Er trug seine Wollmütze mit Bommel, was ihm etwas Jungenhaftes verlieh. Sein Blick war ernst, ja fast etwas grantig, und er starrte vor sich hin.

Sollte ich etwas sagen? Oder störte ich nur? Was, wenn er mich nicht sehen wollte? Was wenn ich ihm nur auf die Nerven ging? Vielleicht hörte er mich ja, wenn ich den Briefkasten kontrollierte, denn mein Fach quietschte ziemlich und gehörte dringend einmal geölt. Ich kramte in meiner Jackentasche nach den Schlüsseln.

Heiko war immer noch mit Schneeschippen beschäftigt. Ich zog die Schlüssel hervor und suchte nach dem Briefkastenschlüssel am Bund. Immer wieder warf ich verstohlene Blicke zu ihm hinüber. Vielleicht ignorierte er mich ja auch mit Absicht. Hatte ich mir nur eingebildet, dass er mich mochte? Hatte er nur hilfsbereit sein wollen und ich hatte hineininterpretiert, dass er Interesse hatte? Bestimmt wollte er gar nicht mit mir reden. Schließlich waren auch schon zwei Tage vergangen und er hatte sich nicht gemeldet. Oh Mann, ich bin so eine –

„Hallo, Melanie!“

Vor Schreck ließ ich die Schlüssel fallen. „Ha-hallo!“, stammelte ich.

Er grinste und kam auf mich zu. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln.

Ich konnte nicht anders, als ihn gebannt anzustarren. Verdammt, Mel, hör auf damit! Du benimmst dich ja wie ein Teenager!

Er bückte sich und der Bommel seiner Mütze streifte meine Jacke.

Ich hielt die Luft an.

Er hob die Schlüssel auf und reichte sie mir. Unsere Hände berührten sich für den Bruchteil einer Sekunde und obwohl ich Handschuhe trug und die Berührung somit gar nicht richtig spüren konnte, kribbelte alles in mir.

„Danke. Sie sind mir runtergefallen.“ Na, toll! Jetzt redete ich auch noch Unsinn.

„Und ich hab sie aufgehoben“, sagte er und lächelte schief. Seine Wangen waren knallrot und ich fragte mich, ob das an der Kälte lag oder an mir. An der Kälte! Ganz bestimmt.

Schweigend standen wir uns gegenüber. Ich überlegte fieberhaft, was ich sagen könnte, um diese peinliche Stille zu unterbrechen.

„Das Wetter ist heute herrlich, nicht?“, meinte ich schließlich.

„Jaaa“, sagte er gedehnt. „Endlich hat es mal aufgehört zu schneien.“

Ich nickte. „Ja, es hat ziemlich viel geschneit.“ Herrgott nochmal, fällt dir nichts Interessanteres ein? Er muss dich für eine völlige Dumpfbacke halten.

„Streikt dein Bus wieder oder wieso warst du zu Fuß einkaufen?“

Ich blickte auf meine vollen Tüten. „Ach, ich habe gedacht, ein bisschen Bewegung tut mir ganz gut. Aber jetzt bin ich total durchgefroren und bereue es.“

„Ja, es ist kalt. Geh am besten schnell rein und wärme dich auf.“

Scheiße. Er hat wohl doch kein Interesse, sonst würde er mich nicht reinschicken. Enttäuscht nickte ich, nahm meine Einkaufstaschen und stapfte auf den Eingang zu. Er hatte mit keinem Wort erwähnt, ob er sich mit mir treffen wollte. Wahrscheinlich war ich doch zu voreilig gewesen. Genaugenommen ging mich sein Herzschmerz ja auch nichts an.

Ich schloss die Tür auf und wuchtete die Tüten ins Warme. Der Geruch nach Putzmittel schlug mir entgegen. Frau Biedermann hatte wohl endlich die Kehrwoche erledigt. Eigentlich wechselten wir sechs Parteien uns wöchentlich damit ab, das Treppenhaus zu putzen. Aber bei Frau Biedermann dauerte es immer ein bisschen länger.

Als die Haustür hinter mir ins Schloss fiel, erinnerte ich mich, dass ich vergessen hatte, den Briefkasten zu leeren. Leise fluchend stellte ich meine Einkäufe auf der untersten Treppenstufe ab und machte kehrt. Ich riss die Haustür auf und – wäre fast mit Heiko zusammengestoßen, der direkt davor stand.

„Huch!“, rief ich und bremste abrupt ab.

Er machte einen Schritt zurück und riss die Augen auf. „Melanie, ich – sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Mir ist nur eingefallen – sag mal, hast du heute Abend schon was vor?“

„Ähm, nein, wieso?“ Mensch, Mädel, wieso wohl?!

„Ich, ähm – du hast mir doch angeboten, dass wir mal reden könnten. Wegen meiner Ex. Also, ich hätte heute Abend spontan Zeit, wenn du willst, kannst du rüberkommen. Oder ich komme zu dir. Was dir lieber ist.“

„Ist deine Tante da?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Dann komm zu mir. Da sind wir ungestört.“ Oh Mist, wie kommt das denn jetzt wieder rüber? „Ich meine, dann quatscht niemand dazwischen und wir können ungestört reden.“

„Ja, natürlich reden. Was denn sonst?“ Er nickte eifrig. „Dann bis um acht?“

Dass ich einen kleinen Freudentanz aufführte, sobald ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte, muss ich wohl nicht erwähnen, oder?


Du möchtest mehr von mir lesen? Hier findest du alle meine Beiträge zum #WritingFriday.

Achtung!

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6 Kommentare

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