Unverhofftes Glück | #WritingFriday KW02/2021

Wuhuuu, heute bin ich wieder beim #WritingFriday mit am Start und zwar mit einer kleinen Geschichte, die irgendwie länger geworden ist als beabsichtigt. Ich hoffe, sie gefällt dir trotzdem.

Für alle, die die Aktion #WritingFriday nicht kennen: Jeden Monat gibt uns Elizzy auf ihrem Blog fünf Schreibthemen an die Hand, aus der wir immer freitags eines auswählen und darüber schreiben dürfen.

Mein heutiges Thema:

Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Bitterkalt fing dieser Tag an und ich hatte die Befürchtung, dass…” beginnt.

#WritingFriday 2021
Copyright: Elizzy

Unverhofftes Glück

Bitterkalt fing dieser Tag an und ich hatte die Befürchtung, dass Pepe nicht anspringen würde. Der Schnee knirschte unter meinen Stiefeln, als ich die Straße überquerte und auf meinen rostigen VW Bus zuging. Obwohl ich erst vor wenigen Minuten das Haus verlassen hatte, waren meine Finger bereits eisig und ich zitterte beim Aufschließen. Geschickt schwang ich mich auf den Fahrersitz, dessen aschgrauer, zerschlissener Bezug auch schon bessere Tage gesehen hatte, und zog die Tür hinter mir zu.

Wieder einmal verfluchte ich die Tatsache, dass zu unserem Mietshaus keine Garagen gehörten. Obwohl es im Bus nicht ganz so kalt war wie draußen, bildete mein Atem auch hier drinnen Wölkchen. Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und rubbelte meine Handflächen aneinander. „Dann wollen wir mal!“

Mit zitternden Fingern drehte ich den Schlüssel. Pepe tuckerte kurz und starb dann ab. Ich rollte mit den Augen. Wusste ich es doch!
„Okay, alter Junge. Lass mich jetzt nicht im Stich, ja?“

Ich versuchte es noch mal. Tuck-tuck, Stille. Und noch mal. Tuck-tuck-tuck, Stille.

„Scheiße!“

Ich schlug mit den Händen aufs Lenkrad. Es war nicht das erste Mal, dass mein Bus bei kaltem Wetter streikte. Und doch hatte ich bis zuletzt die Hoffnung nicht aufgegeben, ihn doch noch zum Laufen zu bringen. Immer und immer wieder versuchte ich, das Gefährt zu starten, doch keine Chance.

Verzweifelt verschränkte ich die Arme und dachte nach. Irgendwie musste ich doch zur Uni kommen, aber wie? Ich hatte hier niemanden, der mir ein Auto hätte leihen können. Welche Optionen gab es noch? Den Bus um Sieben? Ich zückte mein Handy und aktivierte das Display. Sieben Uhr vier. Toll, den Bus hatte ich also auch verpasst. Und der nächste würde erst in drei Stunden fahren. Wie ich das Dorfleben in solchen Situationen hasste! Dabei war die heutige Vorlesung extrem wichtig für die anstehende Prüfung. Die sollte ich nicht verpassen.

Wenn ich wenigstens einen Freund hätte, den ich anrufen könnte, dachte ich. Aber ich war schon seit Jahren Single und allein der Gedanke daran erfüllte mich mit zusätzlichem Frust.

Noch einmal versuchte ich, den Motor zum Laufen zu bringen, doch ohne Erfolg. Wütend brüllte ich Pepe an, dass ich ihn verschrotten lassen würde, wenn er mich jetzt im Stich ließ. Doch das juckte meinen Bus herzlich wenig. Ich ließ den Kopf aufs Lenkrad sinken und lullte mich in Selbstmitleid ein.

In diesem Moment klopfte es an die Scheibe der Fahrertür. Erschrocken sah ich auf. Da das Fenster beschlagen und die Sonne noch nicht aufgegangen war, konnte ich nur die dunklen Umrisse einer Person erkennen. Ich kurbelte das Fenster herunter. Im schummerigen Licht der Straßenlaterne erkannte ich einen jungen Mann mit Bommelmütze, der sein Kinn in einem quietschgelben Schal vergrub. Ich hatte den Typen noch nie gesehen und dabei kannte sich in unserem Dorf jeder beim Namen.

„Hallo!“, sagte er und lächelte kurz. „Ich hab mitbekommen, dass dein Bus nicht anspringt und würde dir gern helfen.“
„Bist du Zauberer?“, fragte ich und bereute sofort meinen bissigen Ton. Wut und Verzweiflung steckten mir noch in den Gliedern. Etwas freundlicher fügte ich hinzu: „Oder Kfz-Mechaniker?“
„Nein, das nicht“, sagte der Mann und rieb sich die Nase. „Aber ich schraube ganz gerne an Autos rum. Vielleicht bekomme ich deinen Bus ja wieder zum Knattern.“
„Zum Knattern?“, fragte ich verwirrt und musste dabei ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut haben, denn der Mann schmunzelte.
„Naja, schnurren wie ein Kätzchen wird das alte Ding ja vermutlich nicht mehr.“
„Hey, nix gegen Pepe!“, beschwerte ich mich.
Der Mann hob die Hände. „Das war nicht abwertend gemeint.“
„Gut. Da bin ich nämlich sehr empfindlich.“
Der Mann grinste und rieb sich erneut die Nase. „Also, was ist jetzt? Darf ich mal einen Blick auf den Motor werfen?“
Ich seufzte. „Meinetwegen.“ Was hatte ich schon zu verlieren? Ich sprang aus dem Bus und öffnete die Motorhaube.
Der Mann folgte mir und seine Augen blitzten, als er auf die vielen Gerätschaften und Kabel blickte, die Pepe am Leben hielten. Schon nach wenigen Minuten sagte er: „Ich bin gleich wieder zurück. Hole nur kurz mein Werkzeug.“

Zu meiner Überraschung verschwand er im Nachbarhaus. Warum hatte ich ihn dann noch nie gesehen? Grübelnd ging ich im Schnee auf und ab. Flocken verfingen sich in meinem Haar und ich vergrub die Hände tief in den Manteltaschen. Vielleicht würde der Kerl Pepe ja wirklich reparieren können. Eine kleine Flamme der Hoffnung flackerte in mir auf.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Mann mit einem Werkzeugkoffer in der Hand zurück.
„So, dann wollen wir mal“, sagte er und begann, an Pepe herumzuschrauben.
„Aber nicht kaputtmachen“, bemerkte ich leise, doch der Mann reagierte nicht darauf.
Ich sah ihm eine Weile zu, dann fragte ich: „Wie kommt es, dass wir uns nicht kennen, obwohl du offensichtlich im Nachbarhaus wohnst?“
„Ich wohne nur vorübergehend dort. Kennst du Frau Brehme?“
„Die mit dem Dackel? Klar.“
„Sie ist meine Tante. Ich bin bei ihr untergekommen, bis ich eine Wohnung gefunden habe.“
Er wechselte das Werkzeug und fuhr mit seiner Reparatur fort.
„Wo hast du denn vorher gewohnt?“
„In Frankfurt.“
„Und wieso wohnst du jetzt nicht mehr da?“
„Wegen des Yoga-Lehrers.“
„Hä?“ Verdattert verzog ich das Gesicht.
Er hielt kurz inne und sah auf. Seine Augen waren fast schwarz und sein Blick dermaßen intensiv, dass mir ganz schwummerig wurde. „Er hat meine Freundin geschwängert.“
„Oh!“ Ich biss mir auf die Zunge. „Das tut mir leid.“
„Passt schon.“
Es musste schrecklich sein, so etwas zu erleben. Er hatte seine Freundin sicher sehr geliebt. Vielleicht wollte er sie heiraten. Oder der Vater ihrer Kinder werden. Und die betrügt ihn einfach! Ich ballte die Hände zu Fäusten.
Das laute Klirren des Schraubenschlüssels, den der Mann zurück in seinen Werkzeugkoffer geworfen hatte, riss mich aus den Gedanken.
„So, das war’s. Probier mal, den Bus zu starten.“
Ich nickte und stieg ein. Bevor ich den Schlüssel drehte, atmete ich tief durch und schickte ein Stoßgebet ins Universum. Bitte spring an!

Tuck-tuck-tuck-bruuuuuummmmm.

Erleichtert lachte ich auf. Mein Gebet wurde erhört. Oder der Kerl hatte wirklich etwas auf dem Kasten. Vermutlich beides. Ich stellte Pepe wieder ab und sprang aus dem Bus. Der Mann stand breit grinsend am Straßenrand.
„Vielen lieben Dank!“, rief ich freudestrahlend und war kurz davor, ihm um den Hals zu fallen.
„War mir eine Ehre. Ich helfe gerne anderen Leuten. Vor allem, wenn sie so hübsch sind.“ Er zwinkerte mir zu.

Ups, flirtete der gerade mit mir? Hitze stieg in mir auf und brachte meinen Körper zum Kribbeln. Fieberhaft dachte ich darüber nach, wie ich mich bei ihm erkenntlich zeigen könnte.
Schließlich hatte ich eine Idee. Ich kramte mein Notizbuch mit Stift aus meiner Jackentasche, riss eine leere Seite aus dem Büchlein und kritzelte meine Handynummer darauf.
„Na ja, also … ich studiere Psychologie. Wenn du mal jemanden brauchst, der dir zuhört, kannst du dich gerne bei mir melden. Ich meine … wegen der Sache mit dem Yoga-Lehrer und so.“
Er rubbelte sich wieder über die Nase und nahm den Zettel entgegen. „Das klingt gut. Ich werde sicher auf dein Angebot zurückkommen.“
„Gut!“ Mehr wollte mir nicht einfallen.

Einen Moment standen wir uns schweigend gegenüber. Dann deutete ich auf Pepe und sagte: „Ich glaube, ich muss dann mal los. Sonst komme ich zu spät zur Uni.“
„Alles klar“, sagte der Mann und lächelte. Kleine Grübchen bildeten sich in seinen Wangen und bei diesem Anblick wurden meine Knie weich.
„Bis dann, also … ähm … wie heißt du eigentlich?“
„Oh Verzeihung, ich hab ganz vergessen, mich vorzustellen. Ich heiße Heiko. Und du?“
„Melanie.“
„Schön. Bis ganz bald, Melanie.“
„Bis ganz bald.“

Mit klopfendem Herzen stieg ich in den VW Bus und schlug die Tür zu. Erst langsam realisierte ich, was da gerade geschehen war. Ich würde ihn wiedersehen! Das war fast wie ein Date, oder?

Sanft streichelte ich über Pepes Lenkrad. „Danke, dass du nicht angesprungen bist, alter Junge!“


Du möchtest mehr von mir lesen? Hier findest du alle meine Beiträge zum #WritingFriday.

Achtung!

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10 Kommentare

  1. Toll und immer wieder faszinierend, wie sich Geschichten anbahnen, die Potential zum Weiter haben.
    Bin gespannt, ob du dazu mal eine Fortsetzung fabrizierst.
    Ich fände es klasse.
    Du hast das so geschrieben, als ob ich dabei gewesen wäre.
    Danke dir.
    Herzliche Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

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