54 | Herzanfall | Blogroman

Irgendwie poste ich in letzter Zeit nur noch Blogromankapitel und nix anderes mehr. Das tut mir leid und ich möchte das auch unbedingt ändern. Momentan schaffe ich es zwar nicht mehr, am #WritingFriday mitzumachen, aber vielleicht kann ich demnächst wieder aktiver an der Montagsfrage teilnehmen und hin und wieder einen Artikel zum Thema Liebe, Sexualität oder Gender schreiben. Das würde ich gerne wieder öfter tun. Mal schauen, wie mir das gelingt.

Heute geht es aber auf jeden Fall mit dem Blogroman weiter. Im letzten Kapitel hat Dany ja etwas Schreckliches über Ulis Leben erfahren. Dementsprechend belastend sind diese Informationen jetzt auch für sie, zumal sie sich niemandem anvertrauen darf. Was das mit ihr macht? Lies am besten selbst!

Lass mir gerne ein Like oder Feedback in den Kommentaren da.

In Kürze findest du das neue Kapitel auch auf WattpadSweek und FanFiktion.de.

Hier kommst du zur Übersicht über alle bisher erschienen Kapitel, dem Klappentext und Hintergrundinfos zum Blogroman.

Nun ganz viel Spaß beim Lesen! :)

Freche Mädchen küssen besser YA Young Adult Lesbian Romance Blogroman von Emma Escamilla

54. Kapitel: Herzanfall

Die nächsten Tage ziehe ich mich so oft ich kann in die Bibliothek zurück. Claudia schmollt immer noch und ich habe nicht die Kraft, mich weiterhin ständig zu entschuldigen. Außerdem glaube ich, dass sie einfach Zeit braucht. Meine Mutter hatte immer gesagt, dass Zeit alle Wunden heile und darauf setze ich. Uli hat sich nicht mehr gemeldet, auch nicht auf meine Nachrichten. Ich mache mir riesige Sorgen und weiß nicht, wie ich die Situation einschätzen soll. Am liebsten würde ich Herrn Siebling einweihen, aber ich habe Uli ja versprochen, dass ich das nicht tue. Lis und May fragen immer wieder nach, was mit mir los sei, doch ich speise sie damit ab, dass ich Liebeskummer wegen Claudia habe. Sie wissen, dass wir Streit hatten, aber nicht, aus welchem Grund. Auch wenn vor allem May immer wieder nachbohrt, halte ich die Klappe. Ich will die Situation nicht noch schlimmer machen als sie ohnehin schon ist. 

Da Uli ja nicht da ist, sitze ich im Klassenzimmer allein und habe jede Menge Zeit, mich mit meinen Problemen auseinanderzusetzen. Äußerlich bin ich noch stiller als sonst und der Großteil des Unterrichts zieht ungehört an mir vorbei. Innerlich tobt ein Krieg zwischen meiner Vernunft und meinen Gefühlen. Ich weiß, dass Schweigen nicht das Richtige in dieser Lage ist und dass es vernünftiger wäre, mich jemandem anzuvertrauen. Doch gleichzeitig habe ich Angst, meine Freunde zu verraten oder ihnen zu schaden.
»Daniela? Würdest du bitte weiterlesen?« Frau Pätzold sieht mich auffordernd über den Rand ihrer Lesebrille an, die sie seit einigen Wochen benötigt.
»Ich – ähm …« Hilfesuchend schaue ich mich in der Klasse um. Ein paar meiner Mitschüler werfen mir belustigte oder genervte Blicke zu.
»Du hast nicht aufgepasst«, schließt Frau Pätzold daraus.
»Ja – tut mir leid. Wo sind wir gerade?«
»Bei ›Betty left too late.‹« Frau Pätzold ist anzusehen, dass sie sich ein Augenrollen verkneifen muss. Ihre Stimme ist scharf und ungeduldig.
Ich durchforste den Text im Englischbuch nach diesem Satz, kann ihn aber nirgends finden.
»Sechster Absatz«, ruft mir Lis leise zu. 
Ich zähle die Absätze bis zum sechsten. Doch dieser Textteil beginnt mit »Martin had the time of his life.« Mein Gesicht wird ganz heiß vor Scham. 
»Findest du es?« Frau Pätzolds Geduld ist am Ende. 
»Nein, tut mir leid. Auf dieser Seite steht nichts von Betty, sondern irgendwas von einem Martin.«
Die Klasse lacht und unsere Lehrerin schüttelt mit genervtem Gesichtsausdruck den Kopf. 
»Wir sind bereits bei der nächsten Kurzgeschichte. Seite sechsundfünfzig. Ich bin wirklich schwer enttäuscht von dir, Daniela.«
»Es tut mir leid«, murmle ich und blättere hastig in meinem Buch. Nach einer gefühlten Ewigkeit finde ich die Textstelle und beginne zu lesen. Meine Wangen glühen noch immer und Schweiß läuft mir von der Stirn über die Schläfen. Meine Stimme bebt und versagt immer wieder und es fällt mir wahnsinnig schwer, mich zu konzentrieren. Die Buchstaben verschwimmen leicht. Ich unterbreche, blinzle und lege den Finger auf die Zeile, um nicht zu verrutschen. Langsam lese ich weiter, doch kurz darauf wird der Text wieder unscharf und als ich kurz hochblicke, dreht sich der ganze Raum. Erschrocken kralle ich mich an der Tischkante fest. 
»Komm, den Absatz noch, dann kann Thomas weiterlesen.« Frau Pätzolds Stimme klingt gedämpft, als wäre sie weit entfernt. 
Ich keuche, schwitze, zittere. Mein Puls beschleunigt sich und schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen.
»Daniela?«, dringt die Stimme der Lehrerin leise an mein Ohr. »Geht es dir nicht gut? Du bist ja ganz blass.«
Mein Herz! Es rast! Habe ich eine Herzattacke? Ist das jetzt das Ende? Nein, ich darf nicht sterben! Ich bin doch erst sechzehn! Ein Schrei ertönt; ein entsetzlicher, langer Schrei. Ich spüre, wie ich vom Stuhl gleite, dann wird alles um mich herum schwarz.

Mir ist kalt. Das ist der erste klare Gedanke, den ich fassen kann. Als ich die Augen einen winzigen Spalt breit öffne, blendet mich helles Licht. Sofort kneife ich die Augen wieder zu und eine Mischung aus Stöhnen und Ächzen dringt aus meiner Kehle. Schwindel packt mich und zieht mich in einen Strudel aus Farben und Mustern. Obwohl ich nichts sehe, vernehme ich Stimmen. 
»Ich glaube, sie wacht auf!«, höre ich May sagen.
»Bist du dir sicher?«, will Lis wissen.
»Ja, sie hat geblinzelt.«
»Hallo, Daniela? Kannst du uns hören?«, fragt eine dritte Person. 
Die Stimme kommt mir bekannt vor, aber ich kann sie nicht sofort zuordnen. Frau Pätzold ist es nicht. Die Stimmen werden leiser und ich wirble irgendwo in meinem Unterbewusstsein herum. Alles fühlt sich schwer an und doch bin ich leicht wie eine Feder. Lebhafte Bilder erscheinen vor meinen Augen, Szenen aus der Vergangenheit, Uli, Claudia – und dann Sam. Immer wieder Sam. Sie steht vor mir und lächelt. Ich strecke meine Hand nach ihr aus, will sie berühren, etwas zu ihr sagen. Doch ehe ich die Gelegenheit dazu bekomme, löst sie sich in Luft auf. Der Farbenrausch in meinem Kopf legt sich und ich kehre ins Bewusstsein zurück.
Ich schaffe es erneut, meine Augen zu öffnen. Erst blendet mich wieder das Licht, dann schieben sich drei Köpfe zwischen die Deckenlampen und mich. Neben meinen beiden Freundinnen erkenne ich Frau Zadek, die Schulkrankenschwester. Ich bin auf der Krankenstation! Wie bin ich hierher gekommen? Ich öffne den Mund, möchte fragen, was passiert ist, aber kein Ton kommt aus meiner Kehle. 
»Oh Mann, Dany. Ich bin so froh, dass du aufgewacht bist! Ich habe mir solche Sorgen gemacht«, schnieft Lis und erst jetzt bemerke ich, dass ihre Augen gerötet sind.
»Ich hab doch gesagt, sie wird wieder«, sagt May und lächelt mir aufmunternd zu. »So einen Kreislaufkollaps hatte ich auch schon.«
»Bist du sicher, dass das nur ein Kreislaufkollaps war? Sie hat so laut geschrien. Das war doch nicht normal.« Lis redet zwar mit May, doch ihr starrer Blick ist noch immer auf mich gerichtet.
»Mädels, ich würde sagen, ihr geht zurück in den Unterricht und ich kümmere mich um eure Freundin. Was meint ihr?«, schlägt Frau Zadek vor.
»Ich möchte lieber bei ihr bleiben«, bemerkt Lis und richtet sich danach direkt an mich. »Dany, möchtest du, dass ich da bleibe?«
»Ehrlich gesagt war das nicht als Vorschlag gemeint, sondern als Aufforderung«, kommt mir Frau Zadek zuvor. »Daniela braucht ihre Ruhe und ihr solltet nicht so viel Schulstoff verpassen.« Die Krankenschwester geht zur Tür und öffnet sie. Mit einer ausladenden Handbewegung gibt sie meinen Freundinnen zu verstehen, dass sie gehen sollen. 
Als Lis sich nicht von mir losreißen will, legt May den Arm um ihre Schultern und schiebt sie in Richtung Tür. Bevor sie den Raum verlassen, dreht Lis sich nochmal kurz um und Tränen glitzern in ihren Augen. Ich versuche zu lächeln, um sie zu trösten. Obwohl ich mir sicher bin, dass es eher gequält als aufmunternd aussieht, erwidert sie das Lächeln matt.

Frau Zadek schließt die Tür und wendet sich mir zu. »Wie geht es dir, Daniela?«
»Ich … bin so durcheinander. Und ich friere.« Meine Stimme ist ein einziges Krächzen und meine Kleidung klebt mir schweißnass auf der kalten Haut.
»Das glaube ich.« Frau Zadek öffnet einen der weißen Schränke und holt eine dunkle Wolldecke heraus. Sie faltet sie auseinander und breitet sie über mir aus. Die Decke riecht ein bisschen muffig, als hätte man sie seit Jahren nicht mehr aus dem Schrank genommen. Witzigerweise fängt mein Körper jetzt erst an zu zittern. Als hätte er es davor vergessen und sich gerade erst daran erinnert, dass mir kalt ist. Ich kuschle mich in die Decke.
Die Krankenschwester hält derweil den Wasserkocher unter den Hahn. »Ich mache dir einen Baldriantee. Der wird dich nicht nur von innen aufwärmen, sondern auch beruhigen.«
Stumm schaue ich ihr dabei zu, wie sie den Wasserkocher einschaltet und einen weiteren Schrank öffnet. Dieser ist bis zum Bersten gefüllt mit Medikamenten- und Teeschachteln. Sie nimmt den Baldriantee heraus und holt eine blaue Tasse mit weißen Tupfen aus dem Abtropfgestell neben dem Waschbecken. 
Unter der Decke reibe ich meine Hände aneinander, um Wärme zu erzeugen. Sie sind eisig und klamm. »Ich glaub, ich hatte einen Herzanfall«, krächze ich.
Da Frau Zadek nicht sofort reagiert, vermute ich, dass sie mich nicht gehört hat, weil der Wasserkocher so laut gurgelt. Doch dann kommt sie auf mich zu und rückt einen Stuhl an meine Liege heran. »Einen Herzanfall?«, fragt sie ruhig. »Wie kommst du darauf?«
»Ich hatte Herzrasen. Und mir war schwindelig. Ich habe echt geglaubt, dass ich sterbe.«
»Hast du dich vor dem Unterricht schon unwohl gefühlt?«
»Nein, das kam völlig aus dem Nichts. Das muss ein Herzinfarkt gewesen sein.«
Da der Wasserkocher verstummt, steht Frau Zadek auf und füllt das kochende Wasser in die Tasse, in der bereits ein Teebeutel hängt. Sie hilft mir in eine Sitzposition und reicht mir das dampfende Getränk. Die Hitze bringt meine Fingerspitzen zum Kribbeln und Jucken.
»Vorsicht, heiß!«, warnt mich die Krankenschwester unnötigerweise und setzt sich wieder. 
Ich puste und atme den warmen Dampf ein.
»Hattest du in letzter Zeit viel Stress?«, möchte Frau Zadek wissen.
Diese Frage ist mir zwar unangenehm, ergibt aber ziemlich viel Sinn. Stress kann doch zu Herzproblemen führen, oder? Es wäre eine ganz simple Erklärung.
»Na ja, schon ein bisschen. Ich meine, Sam ist vor ein paar Wochen weggezogen. Ich hatte Probleme mit Uli und Claudia. Das hat mich schon belastet.«
»Möchtest du darüber reden? Über deine Probleme?«
Ich weiche Frau Zadeks Blick aus und starre auf die Tasse in meinen Händen. Um Zeit zu schinden, nippe ich am Tee. Natürlich verbrenne ich mir die Zunge und fluche leise.
»Ich habe mitbekommen, dass Ulrich dich angegriffen hat. Das beschäftigt dich sicher, oder?«, fährt Frau Zadek fort.
Mit zusammengepressten Lippen nicke ich. Sie weiß davon, also hat der Direktor wohl alle Erwachsenen informiert. Ich kann nur hoffen, dass der Angriff nicht auch noch unter den Schülern die Runde macht. Das würde Uli noch unbeliebter machen, als es sein Schulausschluss bereits tut. Nicht, dass er davor besonders beliebt gewesen wäre, aber die wenigen Leute, die ihn bisher mochten, würden ihn dann womöglich auch noch fallen lassen.
»Und was war mit Claudia? Ich habe mich gewundert, dass sie dich neulich ins Krankenhaus begleitet hat. Mir war nicht bekannt, dass ihr befreundet seid.«
»Wir verstehen uns seit einer Weile ganz gut, aber wir haben uns gestritten.«
»Wenn du dir den Frust von der Seele reden möchtest, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.«
»Nein – das weiß ich zwar sehr zu schätzen, aber ich komme damit schon klar.«
Frau Zadek steht auf und geht zu ihrem Schreibtisch.
Ich unternehme einen zweiten Versuch, den Tee zu trinken. Diesmal verbrenne ich mich nicht und die heiße Flüssigkeit rinnt meine Kehle hinab. Sofort kriecht die Wärme in meine schlotternden Glieder.
»Weißt du, Daniela, ich glaube nicht, dass du einen Herzanfall hattest. Es war etwas anderes, das aber nicht minder furchteinflößend ist.«
Kein Herzanfall? Aber was war es dann? Dass es nur ein Kreislaufkollaps war, wie May behauptet hatte, kann ich mir nicht vorstellen. Ich lasse die Tasse in meinen Schoß sinken. »Was meinen Sie, Frau Zadek?«
Die Schulkrankenschwester lehnt sich gegen die Schreibtischkante. »Ich glaube, dass du irgendein Geheimnis hütest, das dich völlig überfordert. Auf dir lasten eine Menge Druck und Stress und das hat deine Seele nicht mehr länger ertragen.«
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. Was sie sagt, stimmt. Ich gehe momentan wirklich durch eine schwere Zeit. Aber das Herzrasen und die Ohnmacht – das waren doch körperliche Symptome? Wenn meine Seele zu stark gelitten hätte, hätte ich doch Depressionen bekommen müssen, oder? »Worauf wollen Sie hinaus?«, frage ich und bin mir nicht sicher, ob ich auf die Frage wirklich eine Antwort möchte. 
Frau Zadek sieht mich lange an. Dann sagt sie: »Ich glaube, du hattest eine echt heftige Panikattacke.«


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