53 | Des Übels Wurzel | Blogroman

Sooo, es geht weiter mit dem Blogroman. Bitte entschuldige, dass ich fast eine Woche zu spät dran bin mit dem Hochladen. Ich war letzte Woche krank und habe es einfach nicht geschafft, ein neues Kapitel zu schreiben. Mein Plan, die Kapitel vorzuschreiben, hat bisher leider nicht geklappt. Ich habe mit meinen Blogs und allem so viel zu tun, dass ich meist erst in der Woche, in der das Kapitel hochgeladen werden soll, zum Schreiben komme. Ich mache dieses Jahr nicht einmal beim NaNoWriMo mit – zum ersten Mal seit 2015. Es ist traurig, aber im Moment einfach nicht drin. Allerdings habe ich vor, im April und Juli 2021 wieder bei den Camps mitzumachen (wenn auch mit kleinen Zielen). Aber darum soll’s heute nicht gehen.

Das letzte Kapitel hat ja mal wieder mit einem fiesen Cliffhanger geendet (sorry, nicht sorry! :D) und genau da geht es heute natürlich weiter. Dany versucht verzweifelt, Uli zu erreichen. Sie hat panische Angst um ihn und macht sich Sorgen. Armes Ding, sie hat es momentan wirklich nicht leicht. Ich komme mir grausam vor, sie durch so viele „Prüfungen“ zu schicken. Aber nur so kann Dany wachsen – und du bist gut unterhalten. :) Hoffe ich zumindest. :D

Lass mir gerne ein Like oder Feedback in den Kommentaren da.

In Kürze findest du das neue Kapitel auch auf WattpadSweek und FanFiktion.de.

Hier kommst du zur Übersicht über alle bisher erschienen Kapitel, dem Klappentext und Hintergrundinfos zum Blogroman.

Nun ganz viel Spaß beim Lesen! :)

53. Kapitel: Des Übels Wurzel

»Bitte geh ran, bitte geh ran, bitte geh ran!« 
Mit dem Handy am Ohr hechte ich den Flur auf und ab. Mein ganzer Körper zittert und mir ist übel. So übel, dass ich glaube, mich gleich übergeben zu müssen. Uli ist in Gefahr und ich habe ihn allein gelassen. Was bin ich nur für eine Freundin? Ich hätte gleich wissen müssen, dass etwas nicht stimmt, als er so ausgerastet ist. Das war doch nicht der Uli, den ich kenne. Erst jetzt wird mir bewusst, dass der Grund für sein Verhalten nicht nur an meiner Entscheidung für Claudia lag. Da gibt es noch etwas anderes. Wer hat im Hintergrund so geschrien? Ist er irgendwo draußen an Rowdys geraten? Oder war das etwa – nein, das kann unmöglich sein Vater gewesen sein. Ich hatte Herrn Groß doch vor den Herbstferien gesehen. Der war total nett. Aber was ist dann mit Uli los? Soll ich die Polizei verständigen? Oder ist das übertrieben? 
»Daniela? Was machst du denn um diese Zeit auf dem Flur?«
Ich lasse vor Schreck beinahe mein Handy fallen und drehe mich um. Der Sozialarbeiter steht vor mir und zieht die Augenbrauen zusammen.
»Was ist denn passiert?«, fragt er.
Soll ich Herrn Siebling einweihen? Oder würde ich damit Ulis Vertrauen missbrauchen? Ich will ihn nicht noch mehr verletzen. Seit dem Erlebnis mit Claudia bin ich vorsichtiger geworden. Ich setze ein gekünsteltes Lächeln auf und winke ab. »Nichts ist passiert. Es ist nur … ich hab etwas vergessen. Zuhause. In den Herbstferien.«
»Und deshalb rennst du barfuß und Pyjama durch den Flur und bist blass wie eine Leiche?«
Scheiße, er glaubt mir nicht. Fieberhaft überlege ich, was ich sagen könnte. Ich will die Sache mit Uli erstmal für mich behalten. Zumindest bis ich weiß, was los ist. Ich möchte mit Uli besprechen, wie ich ihm helfen kann und nicht mit diesen spärlichen Informationen zum Sozialarbeiter rennen. 
»Deine Eltern schlafen um diese Zeit bestimmt schon tief und fest. Wie jeder normale Mensch.«
»Dann sind Sie kein normaler Mensch?«, rutscht es mir heraus und ich presse mir sofort die Hand auf den Mund. 
Herrn Sieblings Augen weiten sich, dann schmunzelt er. »Ich bin eine Kreatur der Nacht«, sagt er in solch einem unheimlichen Ton, dass ich Gänsehaut bekomme. Ich muss ziemlich verdattert gucken, denn Herr Siebling gluckst amüsiert. »War nur ein Witz. Nicht lustig? Tut mir leid …« Er beißt sich auf die Unterlippe und versucht, wieder ernst zu schauen. 
Für einen Moment fühle ich so etwas wie Zuversicht. Oder Vertrauen? Es ist ein eigenartiges, aber gutes Gefühl, dass meinen Puls normalisiert. Meine Mundwinkel biegen sich ein bisschen nach oben.
»Ich weiß schon, was mit dir los ist.«
Mein angedeutetes Lächeln verschwindet. »Wieso? Was ist denn mit mir los?«
»Du hattest einen harten Tag. Erst deine Verletzung und der Krankenhausbesuch, dann die Sache mit Uli …«
»Sie wissen, dass er mich attackiert hat?«
Der Sozialarbeiter nickt. »Herr Machandel hat mir davon erzählt. Ich kann mir schon denken, wen du anrufen wolltest.«
Mein Herz schlägt schneller und ich halte kurz die Luft an. »Woher wollen Sie das wissen? Können Sie hellsehen?«
»Ein bisschen vielleicht.« Er grinst wieder. »Nein, Scherz. Ich habe einfach viel Erfahrung mit den Kids hier und weiß, wie sie ticken.«
Ich traue mich jetzt gar nicht mehr, etwas zu sagen. Jede Information könnte zu viel sein. Er darf nicht wissen, dass ich Uli anrufen wollte. Ich muss das erst mit meinem Kumpel klären, bevor ich Herrn Siebling auch nur ein Sterbenswörtchen davon verrate.
»Du wirst sie nicht erreichen. Sie sind bestimmt schon im Bett.«
»Sie?«
Der Sozialarbeiter schüttelt grinsend den Kopf. »Deine Eltern. Ich weiß, dass du Heimweh hast, Daniela.«
»Heimweh?« Heimweh! Das ist es! Ich räuspere mich. »Oh ja, ich habe ganz fürchterliches Heimweh. Ich vermisse meine Eltern.« Gott, bin ich eine schlechte Schauspielerin. 
»Sage ich doch. Komm mit, wir gehen in mein Büro und reden ein bisschen. Dann geht’s dir bestimmt bald wieder besser.« 
Mit Herrn Siebling zu reden ist so ziemlich das Letzte, was ich jetzt will. Ich muss Uli erreichen und darf keine Zeit verschwenden. »Das ist sehr nett von Ihnen, aber mir geht’s schon wieder gut.« Ich lächle völlig übertrieben und mache ein paar Schritte rückwärts in Richtung Zimmertür.
»Bist du dir sicher? Du brauchst dich nicht zu schämen, ich führe dieses Gespräch nicht zum ersten Mal.«
»Ja, das glaube ich und ich weiß es auch sehr zu schätzen, aber – wie Sie schon vorhin gesagt haben – ich hatte einen harten Tag und will einfach nur ins Bett.« Ich gähne demonstrativ und reibe mir die Augen. 
»Gut«, sagt der Sozialarbeiter und zuckt mit den Schultern. »Ich kann nicht mehr tun, als es dir anzubieten. Falls du nicht schlafen kannst, weißt du ja, wo du mich findest.«
Schläft der Typ nie? Ich nicke und recke den Daumen in die Höhe. »Danke. Das ist nett.«
»Nur mein Job.« Herr Siebling dreht sich um und geht zur Treppe. »Gute Nacht, Daniela.«
Ich öffne die Zimmertür. »Gute Nacht.« 

Wenige Minuten später sitze ich im Bad auf dem Toilettendeckel und versuche erneut, Uli anzurufen. Es tutet und tutet und tutet. Ich will gerade auflegen, als die Leitung plötzlich knackt und ein Geraschel zu hören ist.
»Uli?«, rufe ich leise. »Uli, bist du dran?«
Es scheppert und raschelt erneut.
»Hallo? Uli?«
Ich höre jemanden leise fluchen. 
Hoffnung regt sich in mir. »Uli, bist du das?«
Sofort wird mein Hoffnungsfunke erstickt, denn die Verbindung bricht wieder ab. 
Langsam sinkt meine Hand, die das Smartphone umklammert, in meinen Schoß. Irgendetwas geht hier gewaltig schief. Und ich bin an allem schuld. Wenn ich Uli nicht abgewiesen hätte, wäre er jetzt in seinem Zimmer bei den anderen Jungs und würde selig schlummern und wäre nicht irgendwo da draußen in Not. 
Bzzz, bzzz, bzzz, bzzz.
Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass mein Handy vibriert. Uli ruft zurück! Meine schweißnassen Finger hinterlassen Spuren auf dem Display, als ich den Anruf annehmen will und beinahe vor Aufregung auf den roten Knopf tippe. 
»Uli?«, keuche ich. »Uli, bist du okay?«
Keine Antwort. Nur Stille. Dann höre ich, wie jemand atmet.
»Uli? Sag doch was!«
Wieder nur Atemgeräusche. Laut und stoßweise. Ist gar nicht Uli am Telefon? Hat er es womöglich verloren und irgendein gruseliger Unbekannter hat es gefunden und probiert die Wahlwiederholung aus? Oder hat er Uli etwas angetan? Was wenn –
»Dany?« Ulis Flüstern klingt abgekämpft und verzweifelt, doch allein seine Stimme zu hören, jagt eine Welle der Erleichterung durch meine Eingeweide. 
»Uli? Was ist los bei dir? Wieso sagst du so ewig nichts?«
»Tut mir leid. Mein Handy war hinters Bett gefallen und es war sauschwer, es wieder hervorzukriegen.«
Daher also das Rascheln und Scheppern. Er muss beim Versuch, das Smartphone hinter dem Bett hervorzufischen, wohl versehentlich den Anruf angenommen haben. Aber trotzdem gibt es noch so viele ungeklärte Fragen, dass ich gar nicht weiß, welche ich zuerst stellen soll. Doch Uli nimmt mir die Entscheidung ab.
»Ich glaube, er schläft. Ich muss flüstern, Dany. Verstehst du mich?«
»Wer ist er? Bist du in Gefahr?«
»Nicht mehr. Mein Vater, er – hat meinen Schulverweis nicht sonderlich gut verkraftet.«
»Was ist passiert? Ist er ausgetickt?«
»Das kann man wohl sagen. Er hat getrunken und dann ist er mit den Fäusten auf mich los.«
»Was? Er hat dich geschlagen?«, stoße ich lauter hervor als beabsichtigt. Sofort gehe ich wieder in den Flüsterton über. »Ist dir das schön öfter passiert?«
Uli schnaubt. »Das erste Mal ist es nicht.«
»Ach du scheiße. Das tut mir so leid.« Mir wird eiskalt. Das hätte ich Herrn Groß niemals zugetraut. Er ist also des Übels Wurzel, wie meine Mutter gesagt hätte. »Und deine Mama? Hilft die dir nicht dabei?«
»Die ist damit beschäftigt, auf sich selbst aufzupassen. Wenn er ausflippt, ist niemand mehr sicher.«
»Uli, warum hast du das dem Direktor nicht gesagt? Er hätte dich niemals heimgeschickt, wenn er das gewusst hätte.«
»Ich weiß nicht«, druckst Uli herum. »Genaugenommen bin ich ja nicht viel besser als mein Vater. Als meine Mutter von meinem Schulausschluss erfahren hat, meinte sie, dass der Apfel nicht weit vom Stamm falle oder so was.«
»Das ist dummes Gelaber, Uli. Hör nicht darauf. Du bist nicht wie dein Vater! Du bist ein total lieber Kerl.«
»Ja, nur dass der liebe Kerl einen Fünftklässler verprügelt und seine beste Freundin angegriffen hat. Ich könnte mir in den Arsch beißen, dass ich mich auf das Niveau meines Vaters heruntergelassen habe.«
»Dass du den Fünfer geschlagen hast, war nicht richtig. Und das mit mir – ich meine, du hattest Angst, nicht? Vor der Reaktion deines Vaters, meine ich. Du warst angespannt und – vielleicht hast du einfach von deinem Vater gelernt, dass man Anspannung mit Gewalt kompensiert. Das ist nicht okay, klar, aber du zeigst Reue und kannst sicher etwas dagegen tun.«
Uli schweigt einen Moment. Ich höre seinen Atem, der ruhiger geht, als vorhin. Schließlich flüstert er: »Dann bist du nicht sauer auf mich?«
»Nein, ich kann doch gar nicht sauer auf dich sein, nachdem ich das jetzt mitbekommen habe.« Als er wieder nur atmet, fahre ich fort: »Aber ich habe Angst um dich und will dir helfen. Vorhin bin ich Herrn Siebling begegnet. Wenn ich deine Erlaubnis kriege, würde ich mal mit ihm sprechen. Vielleicht weiß er eine Lösung oder kann den Direktor überzeugen, dass du wieder früher in die Schule darfst.«
»Nein, Dany. Auf keinen Fall!«, keucht Uli scharf.
»Wieso nicht? Er will doch nur helfen. Allein kann ich nichts tun, ich muss einen Erwachsenen einweihen. Und Herr Siebling macht auf mich einen sehr kompetenten und verständnisvollen Eindruck.«
»Er würde sicher das Jugendamt informieren. Und dann komme ich womöglich in eine Pflegefamilie oder so’n Scheiß. Das will ich nicht. Im Januar werde ich achtzehn. Ich habe heimlich gespart und sobald ich kann, ziehe ich bei meinen Eltern aus. Ich muss nur die zwei Wochen irgendwie rumkriegen. Und die Weihnachtsferien. Die restliche Zeit bin ich ja sowieso auf St. Lucia.«
»Bist du dir sicher, dass du das schaffst?«
»Muss ich ja wohl.«
»Hast du keine anderen Verwandten oder Freunde, zu denen du gehen könntest?«
»Nein, niemand. Meine Verwandten sind tot oder wohnen zu weit weg und meine Freunde – sind auf dem Internat.«
»Verstehe.« Wie kann ich ihm nur helfen? Ich muss ihn irgendwie aus dieser Situation rausboxen. Es kann nicht sein, dass er zu Hause zu Grunde geht, während ich hier gechillt meinem Alltag nachgehen soll. Uli ist mein bester Freund. Ich kann nicht untätig rumsitzen. »Darf ich denn Lis und May einweihen? Oder Claudia?«
»Claudia auf keinen Fall!« Uli schreit fast. Ich höre im Hintergrund Geräusche. »Scheiße, er ist wach. Ich meld mich, okay?«
»Uli, was ist mit -« Die Leitung knackt und das gleichmäßige Tuten ertönt. »- mit Lis und May?«, beendete ich leise meine Frage und lasse das Handy sinken. Wieso muss ich eigentlich immer in so bescheidene Situationen geraten? Meine Freunde vertrauen sich mir an, aber wenn man ihnen helfen will, flippen sie aus. Wie soll ich damit umgehen, ohne dass ich selbst unter der Last der Geheimnisse zusammenbreche? Langsam stehe ich auf und schlurfe in mein Bett zurück – auch wenn ich genau weiß, dass ich jetzt erst recht nicht mehr schlafen kann.


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