49 | Wut macht Mut | Blogroman

Heute geht es weiter mit Dany und Claudia und ich bin total froh, dass ich es diesmal pünktlich zum Mittwoch geschafft habe. :D Obwohl ich jetzt längere Zeit nicht am Blogroman geschrieben, sondern nur vorgeschriebene Kapitel korrigiert und dann hochgeladen hatte, kam ich wieder super in die Geschichte rein.

Und – wow! – wir sind schon beim 49. Kapitel. Insgesamt ist der Blogroman bereits über 76.300 Wörter lang – und ich habe immer noch Spaß daran. :) Und du hoffentlich auch. :D

Im heutigen Kapitel hat die sonst so zahme Dany einen echten Ausraster. Sie hat sich dabei selbst kaum wiedererkannt (und ich sie auch nicht), aber ihre Wut war einfach da, das habe ich gespürt. Und sie musste raus. Und manchmal macht Wut wirklich Mut.

Ich freue mich über jede*n Leser*in und bin immer für Feedback offen. Auch Kritik, solange sie konstruktiv ist.

Du findest das Kapitel in Kürze auf WattpadSweek und FanFiktion.de.

Du hast die vorherigen Kapitel noch nicht gelesen? Dann kommst du hier zur Übersicht.

Nun viel Spaß beim Weiterlesen!

49. Kapitel: Wut macht Mut

Es wird draußen bereits dunkel. Ich schäme mich ein bisschen, als ich in Dr. Siepers’ Wartezimmer zurückkehre. Da niemand sonst da ist, komme ich schnell an die Reihe.
»Ich dachte schon, Sie seien heimgegangen«, bemerkt der Arzt mit einem Augenzwinkern.
Ich schüttle den Kopf und presse die Lippen aufeinander. Dieser Arsch! So charmant wie der tut, ist es kein Wunder, dass Claudia sich damals in ihn verknallt hat.
Dr. Siepers steht auf und kommt um seinen Schreibtisch herum. »Na, dann wollen wir uns Ihre Verletzung mal ansehen.« Er beugt sich herunter und nimmt meine Hand. »Tut es weh, wenn Sie die Finger bewegen?«
Ich nicke stumm. Am liebsten würde ich ihm ins Gesicht spucken. Wieso hat er Claudia so mies behandelt? Sie hätte seinetwegen beinahe wieder einen Selbstmordversuch unternommen. Zumindest hat sie daran gedacht. Hätte er mit ihr nicht sensibler umgehen können? Er muss doch gewusst haben, wie zerbrechlich sie war.
Dr. Siepers stellt mir noch weitere Fragen und untersucht meine Hand, was immer wieder einen heftigen Schmerz durch meine Finger jagt. Ich gebe knappe Antworten und hoffe, dass es bald vorbei ist und ich mit Claudia zurück zum Internat fahren kann. Ich will doch wissen, wie ihre Geschichte weitergeht.
»Okay, ich glaube, die Hand ist nur geprellt. Aber um sicherzugehen sollten wir sie noch röntgen lassen. Die Radiologie ist im dritten Stock, also die Etage oben drüber. Danach kommen Sie bitte mit den Röntgenbildern zu mir.«
Ich fluche innerlich. Wieso muss das jetzt auch noch geröntgt werden? Das dauert bestimmt Ewigkeiten. Doch Dr. Siepers schaut so entschlossen, dass ich mich nicht traue, mich ihm zu widersetzen. Schließlich ist er der Arzt und ich nur die Dumme, die mit ihrer Faust gegen die Wand geboxt hat.

Ich verlasse die Ambulanz und fahre mit dem Aufzug ein Stockwerk höher. Die ganze Zeit geht mir Claudia im Kopf herum. Ich hätte nie im Leben erwartet, dass sie es als Kind so schwer gehabt hatte. Ich dachte, sie hätte schon immer wie ein Topmodel ausgesehen und wäre beliebt gewesen.  Fragen drängen sich auf. Fragen danach, warum sie jetzt in die gegenteilige Rolle ihres früheren Ichs geschlüpft ist und warum sie Uli so scheiße behandelt, wobei sie doch selbst einmal dick und unbeliebt war. Sie müsste doch in Uli mehr erkennen als nur einen Loser. Mir wird bewusst, dass ich zu Uli heute auch nicht nett war und fühle mich furchtbar. Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass Claudia mir womöglich nie ihre Geschichte anvertraut hätte, wenn ich mich gegen sie entschieden hätte. In mir spüre ich ein wohliges Ziehen. Claudia ist mir nicht egal und es ist nicht nur der Sex, weshalb ich gerne Zeit mit ihr verbringe. Sie tut mir leid und ich möchte nicht, dass sie jemals wieder so sehr verletzt wird. Ich möchte sie beschützen, so verrückt das auch klingt. Eigentlich ist es ja Claudia, die mich ständig beschützt und nach außen hin strotzt sie nur so vor Selbstbewusstsein. Aber ich möchte die Claudia innen drin beschützen. Das kleine verzweifelte Mädchen. Denn ich werde das Gefühl nicht los, dass das dort immer noch lebt. Auch wenn Claudia sich das nicht anmerken lassen will.

Das Röntgen geht schneller vorbei, als gedacht. Ich muss nur etwa zehn Minuten warten, dann bin ich dran. Ich habe ein bisschen Angst davor, weil ich mich noch nie röntgen lassen musste, aber es ist völlig harmlos und mein klopfendes Herz kommt zur Ruhe. Danach muss ich nochmals kurz in den Wartebereich. Hoffentlich ist mit meiner Hand alles in Ordnung. Wenn die mich jetzt hierbehalten … nein, das darf einfach nicht geschehen.
Um mich abzulenken schicke ich Claudia eine Nachricht. Ich frage sie nach ihrem Befinden. Sie schreibt zurück, dass alles okay sei und schickt mir ein Foto von einer Tasse Kaffee, an dessen Oberfläche ein Blatt aus Milch schwimmt. Ich muss lächeln und freue mich, dass es ihr gut geht. Wir schreiben noch ein bisschen hin und her, aber nur oberflächliches Blahblah. Ich traue mich nicht, ihr meine bohrenden Fragen in einer Nachricht zu stellen. Ich möchte das lieber persönlich tun, nachher, wenn wir genügend Zeit haben und ich nicht jeden Moment damit rechnen muss, dass jemand mein Handy entdeckt oder ich zurück zu Dr. Siepers geschickt werde. Schließlich bekomme ich meine Röntgenbilder und mache mich auf den Weg nach unten.

Das Wartezimmer ist wieder gut gefüllt, als ich die Ambulanz betrete. Der junge Mann von der Rezeption ist inzwischen durch eine Frau mittleren Alters ausgetauscht worden. Als ich ihr meinen Namen nenne und die Mappe mit den Röntgenbildern hochhalte, sagt sie, dass ich als nächstes zu Dr. Siepers reinkönne, sobald sein momentaner Patient fertig sei. Wenigstens das! Ich setze mich auf einen Platz direkt neben der Tür zum Behandlungszimmer und schnappe mir die oberste Zeitschrift aus dem Ständer. Erst als sie aufschlage, bemerke ich, dass ich mir das Micky-Maus-Magazin genommen habe. Ich muss grinsen. Das habe ich als Kind manchmal gelesen. Ich überlege, es wieder zurückzulegen, doch dann überfliege ich aus Neugier den Anfang eines Comics über Onkel Dagobert und werde ruckzuck in das Entenhausen-Universum hineingezogen. Ich lande erst wieder in der Realität, als Dr. Siepers mich aufruft. Als er sieht, was ich lese, grinst er. Ich erröte, lege das Magazin zurück in den Zeitschriftenständer, und folge ihm ins Behandlungszimmer.

Dr. Siepers nimmt mir die Mappe mit den Röntgenbildern ab und öffnet sie. Er hängt die Bilder an eine beleuchtete Wand, sodass man darauf deutlich die Knochen meiner Hand erkennen kann. Es ist ein bisschen gruselig und mir kommt der absurde Gedanke, dass die Bilder die perfekte Deko für eine Halloweenparty wären.
»Alles okay.« Dr. Siepers nimmt die Bilder ab und trägt sie zurück zu seinem Schreibtisch.
»Nichts gebrochen?«, frage ich.
»Nein, nichts gebrochen. Es ist wirklich nur eine Prellung.«
Puh, Glück gehabt! Ich atme tief durch, doch meine Anspannung will nicht von mir abfallen.
»Ich schreibe Ihnen eine Salbe auf. Zum Verbandswechsel gehen Sie bitte zu Ihrem Hausarzt.«
»Kann sich auch die Schulkrankenschwester darum kümmern? Ich bin auf einem Internat und nur in den Ferien zu Hause.«
Dr. Siepers spitzt die Lippen und nickt. »Klar. Als Krankenschwester sollte sie einen korrekten Verbandswechsel hinbekommen. Sie kann Ihnen dann sicher auch die Salbe besorgen. Geben Sie ihr einfach das Rezept.« Er tippt etwas in seinen PC ein und der Drucker hinter ihm surrt. »Haben Sie Ihre Freundin eigentlich gefunden?«, will er wissen, als er das Rezept abstempelt und unterschreibt.
Da ist sie wieder – meine Wut. Kochend heiß und blubbernd wie Lava kriecht sie in mir empor. »Ja, habe ich.« Ich bin selbst überrascht, wie streng meine Stimme klingt.
Dr. Siepers scheint das auch aufgefallen zu sein. Er sieht auf, runzelt die Stirn und fragt: »Und? Geht es ihr gut?«
»Nein, ihr geht es absolut beschissen.«
»Das tut mir leid. Mag sie keine Krankenhäuser?« Er lacht kurz auf. »Natürlich tut sie das nicht. Wer mag schon Krankenhäuser?« Er schüttelt über sich selbst den Kopf.
»Sie mag keine Krankenhäuser, ja. Aber schlecht ging es ihr vor allem Ihretwegen.« Mit jedem Wort werde ich lauter. Mein ganzes Blut schießt mir in den Kopf und ich fühle mich auf einmal stark und überlegen.
Dr. Siepers zieht die Augenbrauen hoch. »Meinetwegen? Wieso das denn? Kenn ich sie?«
»Oh ja, Sie kennen sie.« Mein Gesicht ist so heiß, dass es mich nicht wundern würde, wenn mir Rauch aus Nase und Ohren quölle.
»Wie heißt sie denn? Doch nicht etwa Linda?«
Ich ziehe irritiert die Augenbrauen zusammen. »Linda? Wieso Linda?«
»Ach, so heißt meine – ach, ist egal.« Er macht eine wegwerfende Handbewegung und schiebt mir das Rezept über den Schreibtisch.
»Claudia. Sie heißt Claudia.«
»Schiffer?«
Dieser Idiot! »Nein, Enzminger!«, keife ich und stopfe das Rezept unsanft in meine Tasche.
»Claudia Enzminger …«, murmelt der Arzt und kratzt sich am Kinn. »Tut mir leid, aber ich erinnere mich nicht an eine Claudia Enzminger. Ich gehe davon aus, sie war eine Patientin von mir?«
»Ja und es ist wirklich erbärmlich, dass Sie sich nicht an sie erinnern. Sie erinnert sich nämlich sehr gut an Sie.«
Dr. Siepers zuckt mit den Schultern. “Haben Sie eine Ahnung, wie viele Patienten hier täglich ein- und ausgehen? Ich kann mir bei Gott nicht alle Namen merken.«
Ich schnaube und springe auf. Dieses Arschloch geht mir wirklich gehörig auf den Keks und ich habe keine Geduld, mich noch länger mit ihm zu beschäftigen.
Als ich schon fast an der Tür bin, ruft Dr. Siepers plötzlich: »Moment mal!«
Ich bleibe stehen und drehe mich zu ihm um.
»Die kleine Claudia, die sich umbringen wollte?«
»Die kleine Claudia ist jetzt sechzehn und leidet noch immer darunter, wie Sie sie behandelt haben.«
Dr. Siepers wischt sich mit der Hand über das Gesicht. »War ja klar, dass da noch was kommt.«
»Sie sind wirklich ein ziemlich feiges Arschloch! Anstatt ihr zu helfen, haben Sie sie einfach abgegeben.« Ups, hatte ich ihn gerade wirklich mit dem A-Wort betitelt? Ich bin selbst überrascht über meine Worte. Aber die Wut macht mich mutig.
»Das war keine böse Absicht. Ich meine, ich hatte die Stelle noch nicht lange und Angst, Probleme zu bekommen. Ich wollte da nicht in irgendeine blöde Sache reingezogen werden. Außerdem war es für das Mädchen das Beste. Es hätte sich sonst nur Hoffnungen gemacht und das wäre in seinem Zustand fatal gewesen.«
»In ihrem Zustand war es fatal, sie einfach fallen zu lassen«, zische ich. Ich kann nicht glauben, dass dem Kerl sein Job wichtiger war als seine Patientin.
»Es tut mir leid. Sagen Sie ihr, dass es mir leid tut.«
»Wie wäre es, wenn Sie das selbst tun? Sie sitzt unten in der Cafeteria und wartet auf mich.«
»Ich kann doch jetzt nicht einfach in die Cafeteria abhauen. Ich habe Patienten zu behandeln.«
»Sie haben vor allem einen schlimmen Fehler wieder gutzumachen«, beharre ich und kann es selbst kaum fassen, wie selbstbewusst ich gerade auftrete.
Dr. Siepers verzieht den Mund und fährt sich erneut mehrmals über das Gesicht. »Sind Sie sich sicher, dass das eine gute Idee ist? Vielleicht überfordert sie das eher und-«
»Geben Sie sich einen Ruck und seien Sie kein Feigling.« Ich drücke die Klinke herunter und öffne die Tür. »Na, los!«
»Meinetwegen.« Dr. Siepers seufzt und steht auf. »Aber geben Sie mir nicht die Schuld, wenn es schief läuft.«


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