47 | Einsam und allein | Blogroman

Freche Mädchen küssen besser YA Young Adult Lesbian Romance Blogroman von Emma Escamilla

Es ist mal wieder so weit: Ein neues Kapitel geht online!

Momentan sind wir ja an einer recht spannenden Stelle – nicht nur für dich, sondern auch für mich als Autorin. Claudia zeigt sich in einem völlig neuen Licht und was sie Dany berichtet, könnte deine Sicht auf sie völlig verändern. Da es ziemlich viel über Claudias Beweggründe für ihre Aktion auf dem Damenklo zu erzählen gibt, habe ich es in mehrere Kapitel aufgeteilt. Und natürlich auch, um die Sache spannend zu halten. ;-)

Allerdings möchte ich an dieser Stelle eine Triggerwarnung aussprechen:

Dieses Kapitel enthält sensible Themen wie Suizidalität, Depression, Binge Eating/Adipositas und Mobbing. Menschen, die davon getriggert werden könnten, sollten besser nicht weiterlesen.

Lob, Kritik, Fragen und Anmerkungen sind in den Kommentaren gerne gesehen. Scheue dich also nicht, mir Feedback zu geben. Ich antworte in der Regel auch darauf.

Du findest das Kapitel in Kürze auf WattpadSweek und FanFiktion.de.

Du hast die vorherigen Kapitel noch nicht gelesen? Dann kommst du hier zur Übersicht.

Nun viel Spaß beim Weiterlesen!

47. Kapitel: Einsam und allein

»Bitte was?«, rufe ich. »Ich hab mich wohl verhört. Ich dachte gerade, dass du ›Dr. Siepers‹ gesagt hast.«
Claudia errötet. »Du hast dich nicht verhört.«
Ich schüttle fassungslos den Kopf und schnaube. »Claudia, du bist sechzehn und der Kerl mindestens vierzig. Was hast du dir dabei gedacht?«
»Nicht viel, um ehrlich zu sein.«
»Ich kann’s nicht glauben. Dir ist schon klar, dass Dr. Siepers sich strafbar gemacht hat, als er eine Affäre mit einer Minderjährigen eingegangen ist?«
Claudia winkt ab. »Nein, so war das nicht. Wir hatten keine Affäre.«
»Was, sogar eine Beziehung? Unfassbar!«
Claudia rollt mit den Augen. »Ich bitte dich, auf sowas hätte sich Dr. Siepers niemals eingelassen. Es gab weder eine Affäre, noch eine Beziehung.«
Obwohl mich das beruhigen sollte, klopft mein Herz immer noch wie irre. Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge. Die Situation wird immer verwirrender. Auch wenn ich häppchenweise Informationen aus Claudia herauskitzle, habe ich immer noch keine Ahnung, was vor sich geht. Es kommt mir wie ein gigantisches Puzzle vor, von dem ich zwar den äußeren Rahmen zusammen gesetzt habe, aber noch nicht weiß, wie das Bild eigentlich aussieht.
»Bitte, Claudia, klär mich auf. Woher kennst du Dr. Siepers und wieso versetzt dich das Wiedersehen so in Panik?«
Claudia kaut auf ihren Nägeln herum. »Also gut, ich erzähl’s dir. Aber du musst mir schwören, dass du es niemals und unter keinen Umständen weitererzählst.«
»Ich schwöre es.« Ich hebe die Hände, damit Claudia sieht, dass ich die Finger nicht hinter dem Rücken verkreuze.
Claudia weicht meinem Blick aus und betrachtet ihre abgekauten Nägel. »Okay, also – ich hab dir doch mal erzählt, dass ich versucht habe, mich umzubringen. Erinnerst du dich?«
Und wie ich mich erinnere! Es war an dem Tag, als es mir wegen Sam furchtbar ging. Sam hatte ihre Sachen gepackt und mir war bewusst geworden, dass ich sie für immer verloren hatte. Es war auch der Tag, an dem ich das erste Mal mit Claudia geschlafen hatte. Der Tag, der die Weichen für mein zukünftiges Leben stellte. Anstatt mich mit Claudia in den SMV-Raum zu verdrücken, hätte ich um Sam kämpfen müssen. Aber für Reue war es jetzt zu spät.
»Hat es dir jetzt die Sprache verschlagen oder was?« Claudia zieht die Augenbrauen zusammen.
»Ich – nein, ich wurde nur gerade an etwas erinnert. Aber ja, ich weiß noch, wie du mir das angedeutet hast. Du wolltest damals nicht darüber reden, deshalb habe ich nicht weiter nachgebohrt.«
»Ja, eigentlich will ich auch jetzt nicht darüber reden, aber ich bin dir eine Erklärung schuldig.« Sie tritt von einem Fuß auf den anderen, zupft an ihren Haarspitzen herum.
Ich überlege einen Moment, ob ich sagen soll, dass sie mir überhaupt nichts schuldig ist, aber ich vertreibe den Gedanken sofort wieder. Die Neugier ist stärker und zudem habe ich das Gefühl, dass es Claudia guttun wird, wenn sie im Vertrauen darüber spricht.
»Gut, wenn es für dich okay ist, dann höre ich dir gerne zu«, sage ich.
»Es ist okay. Aber vielleicht ist das Klo nicht der richtige Ort dafür. Ich würde mich gerne setzen und brauche frische Luft. Wie wär’s, wenn wir ein bisschen in den Park gehen? Oder musst du zurück in die Ambulanz?«
»Eigentlich schon, aber du hast Vorrang. Ich kann meine Hand auch noch später untersuchen lassen. Wenn ich sie ruhig halte, tut sie auch nicht so arg weh.«
Ein feines Lächeln bildet sich auf Claudias Lippen. »Danke, das weiß ich zu schätzen.«

Es ist fast ein bisschen witzig, dass wir uns ausgerechnet unter den Kastanienbaum setzen, wo ich vorher das junge Paar beobachtet habe. Wir lehnen uns gegen den rauen Stamm und hören dem Rauschen der Blätter zu. Claudia spricht kein Wort, deshalb schweige ich auch und genieße die Leichtigkeit der Stille. Die Sonne ist hervorgekommen und es ist nicht mehr so frisch. Selbst der Wind, der durch die Baumkrone fegt, ist mild. Claudia hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und zittert.
»Frierst du?«, frage ich leise.
Sie schüttelt den Kopf. »Im Gegenteil.«
Ich frage nicht weiter nach, sondern beobachte, wie nach und nach ein paar Kastanien vom Baum fallen und im Gras landen. Als Kind hatte ich mit meiner Mutter die Nüsse gesammelt, um daraus Figuren zu basteln und das Haus herbstlich zu dekorieren. Ich mag die melancholische Atmosphäre im Herbst, wenn die Natur scheinbar stirbt, nur um im Frühling wieder aufzuerstehen. Buntes Laub sammelt sich zu unseren Füßen. Eine leichte Schwermut legt sich auf mein Herz. Irgendwie ist gerade alles schlimm, aber gleichzeitig schöpfe ich in diesem Moment Hoffnung. Hoffnung darauf, dass am Ende doch noch alles gut wird.
»Ich war zwölf.« Claudia atmet tief durch. »Meine Eltern hatten nie Zeit für mich und in der Schule nannten sie mich ›Klops‹, weil ich Ulis Figur hatte. Einen Freundeskreis hatte ich nicht. Ich war eigentlich immer allein und hatte furchtbare Angst vor dem Leben.« Sie macht eine Pause und ihr Blick verliert sich in der Ferne.
Ich nicke verständnisvoll und habe sofort Mitleid mit ihr. Ich weiß, wie es ist, keine Freunde zu haben. Auf meiner alten Schule war ich für die anderen quasi unsichtbar gewesen. Das hat mich sehr belastet, aber ich hatte wenigstens meine Eltern, mit denen ich über meine Probleme sprechen konnte. Es muss schrecklich sein, wenn man sich absolut niemandem anvertrauen kann. Vor allem, wenn man auch noch gemobbt wird.
»Ich bin immer depressiver geworden, weil ich meinen ganzen Kummer in mich hineingefressen habe. Wortwörtlich. Um meinen Schmerz im Keim zu ersticken, habe ich Essen in mich reingestopft. Vor allem Zucker. Süßigkeiten, Kuchen, Chips. Alles, was man bequem im Supermarkt bekommen und heimlich unter dem Bett horten kann.« Claudias Stimme bebt. Es fällt ihr sichtbar schwer, über diese Zeit zu sprechen. »Mehr als die Hälfte meines Taschengeldes ging für Snacks drauf. Den Rest habe ich für Teeniezeitschriften ausgegeben. Die Wände meines Zimmers waren vollgeklebt mit Postern von superdünnen Models und weiblichen Stars. Ich dachte immer, ich wäre nur liebenswert, wenn ich genauso aussehe. Aber anstatt mich gesünder zu ernähren und abzunehmen, habe ich aus Frust, noch mehr gegessen.«
»Das ist ja schrecklich!« Ich kann nicht fassen, was Claudia mir da beichtet. Nie im Leben hätte ich vermutet, dass sie in ihrer Kindheit unbeliebt und übergewichtig gewesen war. Ich habe nichts gegen Dicke, im Gegenteil. Meiner Meinung nach sind sie genauso liebenswert, wie dünne oder normalgewichtige Menschen. Aber dass Claudia so verzweifelt war, dass sie eine Sucht nach ungesundem Essen entwickelte und dafür auch noch gemobbt wurde, macht mich traurig.
»Hast du denn keine normalen Mahlzeiten bekommen?«, will ich wissen. »Hat niemand gemerkt, was mit dir los ist?«
»Wir hatten zwar ein Kindermädchen, das eigentlich nach mir schauen sollte, aber das war ein faules Gör, das den ganzen Tag vor dem Fernseher auf dem Sofa lag und auf Kosten meiner Eltern Pay-TV schaute. Warmes Essen gab es bei uns abends, da meine Mutter nach der Arbeit gekocht hat. Ich habe mich immer bemüht, mich dabei möglichst zurückzunehmen. Meine Eltern haben sich gewundert, warum ich so fett war. Scheinbar aß ich ja nicht übermäßig viel. Sie hatten keine Ahnung, was wirklich los war.«
»Das muss furchtbar zermürbend für dich gewesen sein, deinen ganzen Kummer geheim zu halten. Ich schätze, irgendwann bist du daran zerbrochen, oder?«
»Ganz genau.« Claudia knibbelte an der Nagelhaut ihres Daumens herum, der schon ganz rot war. »Der Druck wurde immer größer. Mein Umfang auch. Und mein Selbsthass wuchs von Tag zu Tag. Als wäre das nicht bereits schlimm genug, verliebte mich auch noch in einen Klassenkameraden. Ich träumte Tag und Nacht von ihm, himmelte ihn heimlich aus der Ferne an und stellte mir vor, wie es sei, mit ihm meinen ersten richtigen Kuss zu erleben.«
»Diese Fantasien kenne ich«, sage ich und lächle bei dem Gedanken an meinen ersten Schwarm. Es war nie etwas aus uns geworden und doch würde ich nie vergessen, wie intensiv diese erste Verliebtheit gewesen war.
»Nach Monaten der Zurückhaltung hatte ich endlich den Mut, ihn zu fragen, ob er Lust hätte, mit mir Eisessen zu gehen«, fuhr Claudia fort. »Mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust und ich bekam kaum ein Wort heraus, aber ich musste ihn einfach ansprechen.« Ihre Miene wird traurig und sie führt wieder die Hand zu den Lippen, um auf den Nägeln zu kauen.
»Lass mich raten: Er hat dir einen Korb gegeben.«
»Nicht nur das.« In Claudias Augen sammeln sich Tränen und sie schlottert so sehr, dass ich Angst habe, sei könnte gleich von der Bank fallen. Ihre Lippen zucken und sie lässt die Hand in ihren Schoß sinken. Es ist offensichtlich, dass sie mit sich kämpft.
Tröstend lege ich meine unverletzten Finger auf die ihren, streichle sie sanft. Ihre Haut ist kalt und klamm.
Mit erstickter Stimme fährt Claudia fort: »Er hat gesagt, dass es ihm peinlich sei, mit so einer Fetten in der Eisdiele gesehen zu werden und dass ich aufhören solle zu fressen, wenn ich jemals einen Typen abkriegen wolle.« Ein lautes Schluchzen entfährt ihr. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und weint.


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