Emmas neue Liebschaft | KW33/2019 #WritingFriday

Heyho,

auch heute mache ich wieder bei Elizzys #WritingFriday mit. Jeden Monat gibt uns die liebe Elizzy neue Schreibthemen vor, von denen wir uns immer freitags eines aussuchen und darüber schreiben dürfen.

Im August 2019 sind es diese Schreibimpulse:

writingfriday2019_header-1100x633

Ich schreibe heute zum Thema: Schreibe aus der Sicht deiner Zimmerpflanze.

Emmas neue Liebschaft

Das Zimmer ist dunkel und lediglich die Straßenlaternen werfen ihr kaltes Licht durch die Fensterscheibe. Emma ist nicht da. Sie ist heute gegen acht aus dem Haus gegangen und seither nicht mehr wiedergekommen. Das ist äußerst selten für sie. Emma ist eine sehr introvertierte Person und lebt sehr zurückgezogen in ihrer kleinen Wohnung. Manchmal klagt sie mir ihr Leid, dass sie so gerne wieder eine Partnerin oder einen Partner hätte. Sie redet gerne mit mir, denn ich höre ihr geduldig zu, ohne irgendwelche dummen Ratschläge zu geben, die Emma nicht braucht oder sie nur noch mehr herunterziehen.

Ich höre die Turmuhr in der Ferne schlagen. Es ist Mitternacht und Emma ist immer noch nicht zurück. So langsam mache ich mir Sorgen um sie. Das ist wirklich höchst ungewöhnlich für sie.

Autos fahren unter dem Fenster vorbei und werfen lange Schatten an die Wände. Ich blicke ständig aus dem Fenster, bei jedem Fußgänger, der sich nähert, mache ich mir Hoffnungen, dass es Emma ist, aber ich werde wieder und wieder enttäuscht.

Als die Schlüssel klappern, hüpft mein kleines grünes Pflanzenherz. Tatsächlich ist es Emma, die ich in der Garderobe kichern höre. Sie ist wieder da! Ihr geht es gut!

Doch da ist noch eine zweite Frauenstimme, die ich noch nie gehört habe. Das Licht geht an und ich erblicke meine Besitzerin, wie sie ein fremdes Mädel knutschend durch die Tür schiebt. Sie lassen sich auf dem Sofa nieder, ohne mit dem Küssen aufzuhören.

Ich bin ganz überwältigt, freue mich, dass Emma endlich jemanden kennengelernt zu haben scheint. Und diese Frau sieht gut aus. Sie sieht wirklich gut aus. Wenn es mir möglich wäre, hätte ich laut geseufzt.

Die beiden kleben aneinander, scheinen alles um sie herum zu vergessen. Die Hände der Fremden schieben sich unter Emmas T-Shirt.

„Warte!“ Emma keucht.

Die Fremde schaut sie überrascht an. „Wieso? Was ist? Ich dachte du wolltest auch …“

„Ich muss mich noch kurz frisch machen. Bin gleich wieder zurück.“

Mit einem Augenzwinkern verschwindet Emma im Bad. Die Fremde bleibt zurück und sieht meiner Besitzerin sehnsüchtig nach. Kaum ist Emma aus dem Zimmer, springt sie auf und huscht zur Kommode hinüber. Sie öffnet die oberste Schublade und kramt darin herum.

Verdammt, sie ist eine Diebin! Emma! Emma komm zurück! Sie will dich bestehlen! 

Ich höre den Wasserhahn im Bad plätschern. Die Fremde öffnet inzwischen die zweite Schublade und fischt ein kleines Kästchen heraus. Ich weiß, dass Emma darin ein bisschen Bargeld für den Notfall lagert.

Verflixt und zugenäht, warum kann ich nicht schreien? Wieso hat Gott uns Pflanzen keinen Mund gegeben? Ich drücke mit den Wurzeln gegen meinen Topf, zapple damit in der Erde herum und plötzlich schiebt sich mein Topf ein Stückchen nach vorne. Das bringt mich auf eine brillante Idee. Ich hüpfe und zapple weiter.

Die Fremde öffnet das Kästchen.

Ich bringe all meine Kraft auf, winde mich und drücke mich mit den Blättern an der Fensterscheibe ab.

Emmas neue Bekanntschaft nimmt ein paar Scheine aus dem Kästchen.

Erde schwappt aus meinem Töpfchen, so sehr zapple ich darin herum. Nur noch ein paar Zentimenter.

Die Diebin grinst zufrieden und zählt die Scheine.

Noch zwei Zentimeter. Noch einer. Noch …

Mein Topf kippt über den Fenstersims und fällt krachend zu Boden. Ich werde auf das Laminat geschleudert und meine Erde spritzt in alle Richtungen. Das war’s für mich. Ich bin tot. Ich bin erledigt. Mir wird schwindelig.

In dem Moment kommt Emma aus dem Bad gelaufen. „Was ist denn hier los, wieso – Moment mal, was hast du an meiner Kommode zu suchen?“

Ich sehe von der Seite, wie die Fremde die Geldscheine hinter dem Rücken versteckt, doch Emmas Blick fällt auf das leere Kästchen, das offen auf der Kommode steht.

„Du beklaust mich? Sag mal, hast du sie noch alle?“

Die Fremde macht Anstalten, abzuhauen, doch da hat sie die Rechnung nicht mit Emma gemacht. Mit aller Wucht haut sie ihr eines über die Rübe. Die Fremde schwankt und geht zu Boden. Sofort setzt sich Emma auf sie und hält sie so in Schach. „Endlich zahlt es sich mal aus, dass ich Übergewicht habe“, bemerkt Emma und zückt ihr Handy. „Und jetzt rufe ich die Polizei.“

Als diese kurze Zeit später anrückt und die Diebin abführt, entdeckt Emma mich auf dem Boden. Ich bin so schwach, dass ich kaum mehr etwas mitbekomme. Nur, dass zwei warme Hände mich vom Boden aufheben und mich auf die Fensterbank legen. Ich höre, wie sich die Person entfernt. Es kommt mir wie Stunden vor, doch ich glaube, tatsächlich war sie nur ein paar Minuten weg. Die warmen Hände heben mich wieder hoch und setzen mich behutsam in einen neuen Topf. Die weiche Erde schmiegt sich an meine Wurzeln. Ich hänge da zwar immer noch ein bisschen schief im Topf, doch das Flimmern vor meinen Augen verebbt. Ich sehe, dass Emma mich mit sorgenvoller Miene betrachtet. Ich richte mich auf, versuche, ihr die Angst um mich zu nehmen. Emmas Gesichtszüge glätten sich. Sie streicht sanft mit den Fingern über meine Blätter, dann nimmt sie die Gießkanne hoch und gibt mir etwas Wasser.

„Danke“, flüstert sie.

Diese Geschichte ist selbstverständlich frei erfunden. Es gibt weder besagte Zimmerpflanze (die würde bei mir nicht lange überleben), noch bin ich auf Partnersuche und habe Bargeld in meiner Kommode versteckt.


Ähnliche Beiträge

Achtung!

Beim Kommentieren dieses Beitrags werden Daten (z. B. Name, E-Mail, Website, IP-Adresse) erhoben und gespeichert. Mit dem Absenden deines Kommentars erklärst du dich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.

11 Kommentare

  1. Ach man. Sowas gibt es wohl leider. Ich habe mit der Pflanze gelebt. Sehr gut geschrieben. Ich habe wirklich ein Ach Nein gesagt.
    So ein Miststück. Aber eine tolle Pflanze.

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.