Ein unverzeihlicher Fehler | #WritingFriday KW23/2019

Huhu ihr Lieben,

heute gibt es wieder eine Kürzestgeschichte im Rahmen des #WritingFriday, der von der lieben Elizzy von Read Books And Fall In Love gehostet wird.

Sie gibt uns jeden Monat mehrere Schreibthemen an die Hand, aus denen wir uns immer freitags eines aussuchen und darüber schreiben dürfen.

Hier sind die Themen für den Juni 2019:

  • „Julia wollte das alles nicht, doch nun steckte sie zu tief mit drin.“ Wie geht die Geschichte weiter?
  • Schreibe einen Brief an dein 80-jähriges Ich.
  • Du kannst plötzlich fliegen. Würdest du jemandem davon erzählen? Was tust du mit dieser neuen Fähigkeit?
  • Deine Vorratsdosen starten einen Aufstand, berichte davon.
  • Was bedeutet Freundschaft für dich?

writingfriday2019_header-1100x633Mein heutiges Thema: „Julia wollte das alles nicht, doch nun steckte sie zu tief mit drin.“ Wie geht die Geschichte weiter?

Ein unverzeihlicher Fehler

Julia wollte das alles nicht, doch nun steckte sie zu tief mit drin. Wäre sie doch nur nicht zu Jan ins Auto gestiegen. Sie wusste doch, dass er auf der Party nicht abstinent geblieben war. Ganz im Gegenteil, es war so viel Bier und Wodka geflossen, dass sich Jan kaum noch auf den Beinen halten konnte. Und trotzdem hatte er sich hinters Steuer gesetzt und Julia war mit ihm mitgefahren.

Die ganze Zeit über hatte sie die Hände gefaltet und Stoßgebete zu Gott – oder wer auch immer sie hörte – geschickt. Bitte, bitte, bring uns gesund nach Hause.

Als sie nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt, in der Jan das Auto nur mit Mühe in der Spur gehalten hatte, endlich ihre Stadt erreichten, atmete Julia tief durch. Nun waren es nur noch wenige Augenblicke, bis sie aussteigen konnte. Das Auto glitt durch die Nacht, die nur von schummerigen Straßenlaternen erleuchtet war. Julia war so todmüde, dass sie kurz einnickte.

Ein lautes Rumpeln schreckte sie aus dem Schlaf hoch.

„Was war das?“, rief sie panisch.

„Keine Ahnung“, entgegnete Jan und gab Gas.

„Du kannst doch nicht einfach weiterfahren, was, wenn du jemanden verletzt hast?“

„Was soll ich denn sonst machen?“ Jan klang nun ebenso panisch wie sie. „Wenn die Polizei rauskriegt, dass ich getrunken habe, bin ich erledigt. Dann bin ich meinen Führerschein los und mein Vater leiht mir nie wieder seinen Wagen.“

Julia zitterte am ganzen Leib. Hoffentlich hatte sie wenigstens niemand gesehen. Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals und sie hoffte inständig, dass es nur ein Tier gewesen war.

Schließlich bog Jan in ihre Straße ein und sie konnte endlich aussteigen. Sie ging um den Wagen herum und entdeckte an der vorderen Stoßstange dunkelrote Spritzer. „Scheiße …“

Sie gab Jan ein Zeichen, sich das anzusehen. Er zögerte einen Moment, stieg dann aber doch aus. Als er das Blut sah, wurde er kreidebleich.

„Was soll ich denn jetzt machen?“ Er raufte sich die Haare.

„Warte, ich hole aus unserer Garage etwas Wasser, dann kannst du das Blut abputzen.“

Als Jan etwa eine halbe Stunde später davonfuhr, wurde Julia auf einmal eiskalt, obwohl es eine laue Sommernacht war. Was, wenn sie jemanden schwer verletzt oder gar getötet hatten? Wäre sie doch nur nicht in Jans Auto gestiegen. Jetzt hatten sie den Schlamassel.

Sie brachte die ganze Nacht kein Auge zu, wälzte sich unruhig hin und her. Ständig fantasierte sie von den schlimmsten Horrorszenarien. Sie hätten nicht einfach abhauen dürfen. Das war Fahrerflucht, wenn Jan erwischt wurde, blühte ihm eine saftige Strafe. Und auch sie war nicht ganz unschuldig. Ob man sie ebenfalls dafür bestrafen würde? Tränen liefen ihr übers Gesicht und sie vergrub es in ihrem Kissen.

Am nächsten Tag saß sie mit ihren Eltern am Frühstückstisch. Im Hintergrund dudelte das Radio irgendeinen Hit von Depeche Mode, dessen Titel Julia vergessen hatte. Sie hatte ihren Eltern nichts von dem Vorfall erzählt und doch merkten sie, dass etwas nicht mit ihr stimmte.

„Was bist du denn heute so schweigsam?“, fragte ihre Mutter und sah sie mit sorgenvollen Rehaugen an.

„Ach, ich hab schlecht geschlafen …“, murmelte Julia.

„War es gestern nicht schön auf Tinos Geburtstagsparty?“

„Doch, es war toll.“

„Aber?“

„Was? Nichts aber …“

Ihre Mutter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, entschied sich dann aber um und biss stattdessen in ihr Marmeladenbrötchen.

„Das ist ja unglaublich.“ Julias Vater sah von seiner Zeitung hoch. „Letzte Nacht wurde eine junge Frau angefahren und die Täter begingen einfach Fahrerflucht.“

„Was?“ Julias Stimme klang ein bisschen zu schrill und hysterisch.

„Ja, an der Hauptstraße.“

„Was ist jetzt mit der Frau?“, fragte Julia, so gefasst wie es eben ging.

„Sie liegt auf der Intensivstation.“ Ihr Vater schüttelte fassungslos den Kopf. „Solch ein Arschloch. Bestimmt war der Fahrer besoffen und hat Muffensausen gekriegt. War zu feige, der Frau zu helfen.“

Julia wurde auf einmal speiübel. Sie legte ihre Butterbrezel auf den Teller und rannte zur Toilette.


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8 Kommentare

  1. Absolute Horrorsituation! Ich weiß warum ich nie mit Betrunkenen fahre.
    Sehr spannend geschrieben. Ich habe bis zum Schluss gehofft, es geht anders aus.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

      • Nein, das ist gut geworden – aber ja – die Spannung ist echt schwer – das geht mir auch so – ich neige immer dazu zu ausführlich zu werden
        :-)

        Gefällt 1 Person

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