Der geheime Treffpunkt | #WritingFriday KW20/2019

So, heute möchte ich mal wieder beim #WritingFriday mitmachen. Ich bin ein bisschen spät dran, aber das ist egal, ich werde trotzdem noch meinen Beitrag beisteuern. :) Hatte da beim Lesen der Themen einen spontanen Einfall, den ich gerne niederschreiben würde.

Der #WritingFriday findet immer freitags bei Elizzy statt. Sie gibt uns jeden Monat neue Schreibthemen an die Hand, aus denen wir uns eines aussuchen und darüber schreiben dürfen.

Das sind die Schreibthemen für den Mai 2019:

  • Du findest auf dem Dachboden eine alte Schreibmaschine, darin stecken noch beschriebene Blätter des Besitzers. Welche Geschichte verbirgt sich darauf? Berichte davon.
  • Schreibe eine Geschichte die mit dem Satz “Jasmin hatte schon immer an Magie geglaubt, doch als sie dann tatsächlich sah wie…” beginnt.
  • Dein Handy berichtet über deine Macken.
  • Anna betritt eine alte Villa am Ende der Stadt, sie wird sie jedoch nie wieder verlassen. Erzähle was passiert ist.
  • Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Marmelade, Fingerhut, Rosenranken, Himmelblau und Oma.

writingfriday2019_header-1100x633Mein heutiges Thema: Anna betritt eine alte Villa am Ende der Stadt, sie wird sie jedoch nie wieder verlassen. Erzähle was passiert ist.

Der geheime Treffpunkt

Anna bahnte sich ihren Weg durch den Wald. Es war Heiligabend und schneite schon den ganzen Tag. Sie kämpfte sich durch die verschneiten Pfade und hatte ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ihre Hände waren in ihre Taschen vergraben und von ihrem Gesicht schauten nur noch die Augen über ihrem Schal hervor.

Sie wusste genau, wohin sie gehen wollte. An Tagen wie diesen war der Schmerz besonders heftig. Weihnachten – Familien saßen gemütlich beisammen und feierten. Doch Anna war allein, denn Theo war fort. Ein Auto auf der eisglatten Straße hatte sein Leben einfach ausgelöscht, als er über den Zebrastreifen wollte. Knall – bumm! Sie hatte zu Hause auf ihn gewartet, doch er war nicht gekommen. Stattdessen hatte die Polizei sie aufgesucht und ihr erzählt, dass Theo auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben war. Das war der schlimmste Tag in ihrem ganzen Leben.

Seitdem hatte sie die alte Villa im Wald gemieden, zu heftig waren die Erinnerungen, die sie mit diesem Ort verknüpfte. Doch heute musste sie dorthin, unbedingt. Sie wollte Theo nahe sein, sie wollte seine Präsenz spüren, wollte noch einmal so tun, als sei alles in Ordnung. Die alte Villa war ihr Treffpunkt gewesen, bevor sie zusammenzogen. Sie hatten es geliebt, durch die alten Gemäuer zu wandern und sich Spukgeschichten zu erzählen. Manchmal hatte Anna daraufhin Angst bekommen. Dann hatte Theo seinen Arm um sie gelegt und gesagt: „Fürchte dich nicht, ich passe auf dich auf!“

Endlich lichteten sich die Bäume und sie stand dem alten Gebäude gegenüber. Für einen Moment blieb sie stehen und betrachtete die Fassade des Hauses. Ob sie wirklich hineingehen sollte? Was, wenn sie die Erinnerungen nicht ertragen konnte? Doch dann biss sie auf die Zähne und betrat das Haus. Die alte Tür knarrte, als sie sie aufschob. Ein müffelnder Geruch nach faulem Holz und modernden Möbeln stieg in ihr in die Nase.

Sie durchquerte den Flur und steuerte direkt auf das Wohnzimmer zu, wo sie sich aufs Sofa hockte. Staub wirbelte auf, als sie sich auf das alte Möbelstück fallen ließ. Hier hatte sie immer auf Theo gewartet. Er war stets zu spät gekommen, doch daran hatte Anna sich schnell gewöhnt. Sie lauschte auf die Tür, doch kein Geräusch deutete an, das Theo ankam. Anna, schalt sie sich, Theo wird nicht kommen. Das weißt du doch. Sie blickte sich im Raum um. Es sah noch alles genauso aus wie damals. In dem alten Kamin hatte Theo immer ein Feuer entzündet. Er hatte extra Holz gesammelt, damit er es ihnen schön behaglich und hell machen konnte. Sie erinnerte sich an das Knistern der Flammen, den würzigen Geruch der Glut. Heute war alles dunkel und im Kamin lagen nur abgebrannte Holzscheite und stanken nach kalter Asche und Ruß.

Auf einmal hörte Anna ein Geräusch. Schritte! Es klang so, als würde jemand auf die Villa zuschreiten. Verdammt, wo sollte sie nun hin? Es war sicher verboten, sich hier aufzuhalten. Schnell sprang Anna auf und huschte hinter die Couch. Von hier aus hatte sie die Tür im Blick, doch man würde sie nicht sofort entdecken. Ein Knarren kündigte ihr an, dass jemand die Villa betrat. Wieder Schritte. Sie näherten sich. Anna sog tief die Luft ein und hielt den Atem an. Sie traute sich nicht das kleinste Geräusch zu machen. Nicht einmal atmen, denn das könnte sie verraten. Die Tür zum Wohnzimmer wurde aufgeschoben und jemand kam herein. Anna riss die Augen auf. Theo!

Er sah sich im Raum um und fragte dann leise: „Anna? Anna, bist du da?“
Sie kroch hinter dem Sofa hervor und starrte ihn erschrocken an. „Theo“, flüsterte sie. „Theo, was machst du hier? Du bist doch tot.“
Er lächelte. „Da bist du ja. Wieso versteckst du dich vor mir?“
„Ich dachte, du bist jemand Fremdes. Ich hatte Angst, erwischt zu werden.“
„Jetzt habe ich dich erwischt.“ Er gluckste und es war sein typisches Theolachen, das Anna so sehr vermisst hatte.
„Wieso bist du hier?“, fragte Anna.
„Dasselbe könnte ich dich auch fragen.“
„Bist du ein Geist?“
Theo lachte wieder. „So könnte man es wohl nennen. Ich habe dich unbedingt nochmal sehen wollen, weil ich dir noch so viel zu sagen habe.“
„Ich habe dir auch viel zu sagen.“ Es war so viel, dass Anna gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte. „Theo, ich habe dich so vermisst. Ohne dich ist das Leben schrecklich. Ich vegetiere nur noch vor mich hin. Ich bin so einsam und allein.“
Sein Blick verfinsterte sich. „Anna“, sagte er mit fester Stimme. „Ich möchte, dass du dich wieder verliebst. Es gibt noch so viele tolle Männer da draußen. Hör auf, dich zu Hause einzuigeln und geh mal wieder feiern.“
Anna verzog das Gesicht. Sie war absolut nicht in Feierlaune. Außerdem hatte sie sich schon früher nicht gerne in Clubs herumgetrieben. Es war Theo gewesen, der sie von einer Party zur nächsten geschleppt hatte. Damit hatte Anna nie viel anfangen können. Doch trotz dieser Unterschiede hatten sie sich geliebt. Über alles geliebt.
„Ich will aber keinen neuen Partner“, sagte Anna trotzig und ballte die Hände zu Fäusten. „Ich will dich. Sonst niemanden.“
Theo machte ein betrübtes Gesicht. „Bitte, Anna. Du musst mich loslassen. Ich bin nicht mehr da, ich kann nicht mehr auf dich aufpassen. Aber ich bin sicher, dass dort draußen jemand ist, der dir genauso viel Liebe geben kann, wie ich es getan habe.“
Tränen schlichen sich in Annas Augen und drohten ihr übers Gesicht zu laufen. Sie wischte sie schnell weg. „Ich liebe dich, Theo“, flüsterte sie.
„Ich liebe dich auch, Anna. Ich werde dich immer lieben, aber … oh, ich glaube, meine Zeit läuft ab.“ Tatsächlich wurde Theo auf einmal durchscheinend und ein helles Licht brauch aus seinem Körper aus.
„Theo, geh nicht!“, rief Anna verzweifelt. „Ich brauche dich doch! Theo!“
Theo sah sie mit einem milden Lächeln an und sagte: „Pass auf dich auf, meine kleine Anna. Ich liebe dich für immer und ewig.“
„Theo! Bitte! Theo!“
Doch schon verschluckte das Licht Theos Gestalt und verschwand mit ihm, als hätte er nie vor ihr gestanden.

Anna war fassungslos. Sie hatte ihm doch noch so vieles sagen wollen. Ihr war auf einmal eiskalt und Gesicht war nass vor Tränen. Kurz entschlossen rannte sie aus dem Wohnzimmer. Im Flur blieb sie gegenüber des großen Spiegels stehen und betrachtete ihre Reflektion. Sie war blass wie ein Gespenst und ihr Make-up war total verschmiert und verlaufen. Wut stieg in ihr hoch. Wut darüber, dass Theo weg war. Einfach so aus dem Leben gerissen. Sie würde ihn nie wieder sehen. Mit voller Wucht schlug sie mit der Faust in den Spiegel. Dieser zerbrach und hinterließ ein blutiges Rinnsal auf ihren Fingern. Sie sank zu Boden und griff nach einer der Scherben.
„Ich komme, Theo“, rief sie. „Warte auf mich, ich komme!“

Dann setzte sie mit der Scherbe an ihrem Handgelenk an und drückte sie fest ins Fleisch.


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8 Kommentare

    • Ja, ist ziemlich traurig und dramatisch geworden. Ich hatte eine grobe Idee, aber so richtig sind mir die Einfälle erst während des Schreibens gekommen. Tut mir leid, dass ich dich zum weinen gebracht habe – auch wenn mich das gleichzeitig auch ein bisschen ehrt, weil es heißt, dass meine Geschichte Annas Emotionen rüberbringen konnte. :) Danke für deinen lieben Kommentar.

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  1. Heftiges Ende. Auf Grund des Themas hab ich es vermutet, aber bis zum Schluss gehofft, dass ich Unrecht habe. Sehr traurig, aber gut geschrieben.
    Grüße, Katharina

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  2. Liebe Emma echt gruselig wie die Geschichte plötzlich eine andere Wendung genommen und sehr dramatisch wurde. Die Liebe kann so viel schönes hervorbringen aber auch sehr zerstörerisch sein… Danke für deine Geschichte!

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