#WritingFriday #26 | Glück im Unglück

Heyho,

freut mich, dass du heute über meinen Blog gestolpert bist. Nachdem ich jetzt aus meiner Herbstpause offiziell zurück bin, geht es freitags wieder weiter mit dem #WritingFriday, der von der lieben Elizzy veranstaltet wird.

Jeden Freitag dürfen wir uns ein Schreibthema aussuchen und darüber eine kleine Geschichte schreiben.

Im November lauten die Themen:

  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Henriette war eine ganz einfache Fee. Was jedoch niemand wusste war…“ beginnt.
  • Erzähle wie die Welt aussehen würde, wenn es überall nur noch eine Jahreszeit geben würde.
  • Du bist eine kleine Schneeflocke, plötzlich wird beschlossen, dass es keinen Winter mehr geben wird. Erzähle wie du dich fühlst.
  • Wenn du zwischen den Fähigkeiten „Fliegen“, „Durch die Zeit reisen“, „Gedanken lesen“ und „Zaubertränke herstellen“ wählen könntest, welche würdest du haben wollen und was würdest du damit anstellen?
  • Ein Schneemann erzählt aus seinem Leben.

writing friday

Mein Thema heute: Erzähle wie die Welt aussehen würde, wenn es überall nur noch eine Jahreszeit geben würde.

Glück im Unglück

„Happy birthday to youuuu! Happy birthday to youuuu! Happy birthday, liebe Minna, happy birthday to youuuu!“

Nacheinander fielen die Familienmitglieder Minna um den Hals, drückten sie und wünschten ihr alles Gute für ihr nächstes Lebensjahr. Minna wurde heute achtzehn. Ein ganz besonderer Tag in ihrem Leben. Endlich volljährig!

Auf dem Tisch stand ein winziger Kuchen mit einer einzelnen, brennenden Kerze. Früher hatte sie eine große Torte bekommen, doch die Lebensmittel waren teurer geworden, seitdem sie in riesigen Gewächshallen angebaut werden mussten. Minna pustete die Kerze aus und ihre Eltern und zwei Geschwister klatschten.

„Wir haben auch noch ein Geschenk für dich“, sagte ihre Mutter und reichte ihr ein großes Päckchen. Minna nahm es an. Sie lächelte, war aber ein bisschen enttäuscht. Der Größe nach konnte es nicht das neue Smartphone sein, das sie sich gewünscht hatte. Und vermutlich auch keine Bücher. Sie stellte es auf den Boden und wickelte das Geschenkpapier ab. Ein großer Karton kam zum Vorschein. Sie öffnete ihn und schaute hinein. „Neue Stiefel! Wie schön!“ Wie enttäuschend! Aber sie hatte Nachsicht. Das Geld war knapp geworden und ihre Eltern mussten sich mit ihren Geschenken auf das Nützlichste beschränken.

Ihre beiden jüngeren Brüder Jan und Tom, beide vor einem Monat fünf geworden, schenkten ihr selbstgemalte Bilder. Sie versprach, sie in ihrem Zimmer aufzuhängen. Dann wurde es Zeit für das Frühstück. Es gab Brot mit etwas Wurst aus der Dose und Minna vertilgte den kleinen Kuchen, den ihre Mutter ihr extra gebacken hatte. Anschließend richtete sie sich für die Schule. Sie ging in die dreizehnte Klasse eines Gymnasiums. Noch, denn in wenigen Wochen würde sie ihr Abitur in der Tasche haben. Und dann wollte sie weg aus Grimmswald. Irgendwo in die Stadt, wo das Leben tobte und es nicht so langweilig war wie hier auf dem Land.

Sie blätterte ihren Tageskalender um. Es war der siebzehnte Juli. Sie schlüpfte in ihre übliche Garderobe. Lange Unterhosen, dicke Socken, Jeans, T-Shirt, darüber ein Wollpullover. Dann stopfte sie die Bücher, die sie heute benötigte, in ihren Rucksack und schulterte ihn. In der Küche holte sie sich ihr Pausenbrötchen ab.

„Darf ich die neuen Stiefel gleich heute tragen?“
„Aber natürlich, mein Schatz.“ Ihre Mutter strahlte sie an. „Freut mich, wenn sie dir gefallen.“
„Na, sie sind blau. Das ist meine Lieblingsfarbe.“ Vielleicht waren sie doch nicht das übelste Geschenk, das sie jemals bekommen hatte. Sie schnappte sich die Stiefel und zog sie über. Dann schlüpfte sie in Jacke und Handschuhe, zog sich eine Mütze über den Kopf und wickelte eine Schal um ihren schlanken Hals.

Als sie die Tür öffnete, wehte ihr ein eisiger Wind entgegen. Schneeflocken fielen dicht vom Himmel und ihr Vater räumte die den Gehsteig frei, was eigentlich sinnlos war, da ständig Schnee nachkam. Minna verabschiedete sich von ihrem Vater und machte sich auf den Weg in die Schule. Einen Stadtbus gab es in der beschaulichen Kleinstadt nicht, deshalb musste sie die rund eineinhalb Kilometer zu Fuß gehen. Der Neuschnee knirschte unter ihren Sohlen und sie stellte fest, dass die neuen Stiefel um einiges wärmer waren als die alten.

Sie dachte daran, wie in ihrer Kindheit an ihrem Geburtstag die Sonne geschienen hatte und sie baden gehen konnten. Ins Freibad! Das gab es alles schon lange nicht mehr. Ihre beiden Brüder waren im ewigen Winter aufgewachsen, für sie war es kein so ein Drama. Aber Minna vermisste den Sommer.

Der Wind war schneidend kalt. Sie vergrub das Kinn in ihrem Schal und zog die Mütze noch tiefer über die Ohren. Mit tränenden Augen kämpfte sie gegen den Schnee an. An einer Kreuzung musste sie den Zebrastreifen überqueren. Als sie auf die Straße trat, rutschte sie aus und fiel der Länge nach hin. Ein jäher Schmerz fuhr ihr durchs Bein. Es war unnatürlich verdreht.
„Scheiße“, fluchte sie. Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt. Ein Auto kam angefahren. Es bremste, geriet aber ins Schleudern und rutschte immer weiter auf sie zu. Sie riss die Arme hoch, winkte. „Stop! Bleiben sie stehen!“ Das Auto kam immer näher. Die Scheinwerfer blendeten sie. Sie hörte den Motor heulen und die Bremsen reiben. Sie sah sich in Gedanken selbst, wie das Auto sie überfuhr. Sie würde sterben! Ihr Herz schlug schnell und hart gegen ihren Brustkorb, als wollte es herausspringen. Ihr war plötzlich ziemlich heiß. Alles schien so unwirklich. Wie in Trance rutschte das Auto auf sie zu und hatte sie fast erreicht, als es wenige Zentimeter von ihrem Körper entfernt anhielt.

Erleichtert atmete Minna aus.
Der Fahrer öffnete die Tür und eilte auf sie zu. „Alles in Ordnung?“, fragte er und als er Minnas Bein sah, wich alle Farbe aus seinem Gesicht. „Oh nein! War das etwa meine Schuld?“
„Nein, ich bin ausgerutscht und habe mich verletzt.“ Minna war so voller Adrenalin, dass sie die Schmerzen gar nicht mehr spürte. Doch es musste wehtun, so verdreht wie es aussah.
„Komm, ich helfe dir hoch!“ Der Mann reichte ihr die Hand und zögerlich ergriff Minna sie. Mit festem Griff riss der Mann sie nach oben, doch kaum trat sie auf das Bein auf, stach der Schmerz wieder zu und sie fiel schreiend zu Boden.
„So geht das nicht.“ Ratlos kratzte sich der Mann am Kopf. „Ich rufe einen Krankenwagen.“ Er zückte sein Handy. Seit die Touchscreens von Smartphones verbessert wurden, konnte man sie auch bei kalten Temperaturen problemlos verwenden.

Wenig später rückte der Krankenwagen an. Er hatte ebenfalls Probleme beim Bremsen, doch es gelang ihm, ohne ins Schleudern zu kommen. Zwei Sanitäter sprangen heraus und kümmerten sich um Minna. Sie musste noch einmal erzählen, wie es zu dem Unfall gekommen war. Die Sanitäter glaubten erst, das Auto hätte sie angefahren, doch sie stellte die Sache schnell richtig. Dann wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Als sie dort lag und auf den Arzt wartete, schrieb sie schnell ihrer besten Freundin eine Nachricht, damit diese wusste was Sache war und sie in der Schule entschuldigen konnte. Auch ihren Eltern sagte sie Bescheid.

Der Arzt ließ eine ganze Weile auf sich warten. Ihre Eltern kamen in der Zwischenzeit ins Krankenhaus.
„Was ist denn passiert?“, fragte ihre Mutter, die ganz blass war. Auch ihr Vater sah geschockt aus.
„Ich hatte einen kleinen Unfall. Bin am Zebrastreifen ausgerutscht. Und dann hätte mich noch beinahe ein Auto überfahren. Aber ich bin nochmal mit dem Leben davongekommen.“

In diesem Moment wurde ihr eines klar: Sie hatte an diesem Tag ihr Leben geschenkt bekommen. Sowohl vor achtzehn Jahren, als auch heute. Sie spürte plötzlich wie warme Dankbarkeit ihren Körper flutete. Sie glaubte nicht an Gott, aber irgendetwas gab es dort draußen, und wenn es nur eine spirituelle Energie war, die sie heute beschützt hatte. „Danke!“, flüsterte sie.


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