#WritingFriday #3: Fundamentale Veränderung

Huhu,

schön, dass du wieder vorbeischaust. Es ist Freitag und damit auch wieder #WritingFriday, eine Aktion von Elizzy von Read Books And Fall In Love.

Die Aktion funktioniert folgendermaßen: Jeden Monat gibt uns Elizzy auf ihrem Blog mögliche Schreibthmen vor, von denen wir uns eines aussuchen und darüber schreiben können.

Folgende Themen sind im Januar auswählbar:

Heute wähle ich das erste Thema: „Erzähle von einem Moment, der den weiteren Verlaf deines Lebens fundamental hätte verändern können.“ Dabei wandle ich die Aufgabe ein bisschen ab und erzähle von einem Moment, der mein Leben wirklich fundamental verändert hat.

writing friday

Ich weiß gar nicht genau, wo ich anfangen soll. Manche von euch wissen vielleicht, dass ich Agnostikerin bin. Das war ich aber nicht immer. Ich bin als Christ aufgewachsen, allerdings nicht in einer der „großen“ Kirchen, sondern in einer kleinen Religionsgemeinschaft, um nicht zu sagen, einer Sekte.

Ich möchte mit Absicht nicht nennen, um welche Sekte es sich handelt. Einfach, um meine Familie zu schützen, die noch Mitglieder jener Gemeinschaft sind.

Ich bin in diese Sekte hineingeboren. Meine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits sind alle in die Sekte eingetreten, als sie jung waren. Meine Oma wurde deshalb sogar von ihrer Familie verstoßen, die römisch-katholisch war. Ich wünschte, sie wären nicht in die Sekte gewechselt, denn dann hätte mir viel erspart bleiben können.

Als meine Eltern Kinder waren, war es in der Sekte noch strenger als heute. Sie durften nicht einmal einen Fernseher besitzen, weil das zu weltlich war. Mein Vater hat sich zudem lange Zeit verweigert, ins Kino zu gehen, weil das eine Gefahr für seinen Glauben hätte darstellen können (was Schwachsinn ist, aber das hat er mittlerweile glaube ich auch begriffen). Auf meinen Abschlussball in der 10. Klasse durfte ich auch nicht, denn „wir gingen nicht tanzen“.

Die Sekte ist mittlerweile offener geworden, doch sie stellt an sich immer noch den Absoutheitsanspruch und die Exklusivität. Laut ihrer Lehre sind alle Mitglieder von Gott persönlich auserwählt und sogenannte „Gotteskinder“. Außerdem werden Homosexuelle diskriminiert, was meiner Meinung nach alles andere als okay ist. Schließlich bin ich selbst bisexuell, was in dieser Religionsgemeischaft aber niemand weiß.

Was mir immer ganz besonders peinlich war, war, wenn meine Eltern von mir wollten, dass ich Freude oder Bekannte in die Kirche einlud. Es gab dafür spezielle Gästegottesdiesnte oder auch geistliche Konzerte, zu denen man Menschen einladen sollte. Einmal musste ich meinen Klassenlehrer einladen und das war mir so unangenehm, dass es mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Ich habe das ganz sicher nicht freiwillig getan. Wenigstens war mein Vater mit dabei und hat mich unterstützt, als ich voller Angst bei meinem Klassenlehrer an der Tür klingelte (er wohnte nicht weit von unserem Haus entfernt). Zum Glück war mein Klassenlehrer nicht sauer, dass ich ihn am Wochenende aufsuchte. Er bedankte sich – kam aber nicht. Was vielleicht auch ganz gut war (für ihn).

Besonders zu beißen hatte ich auch an der sogennanten Entschlafenenlehre dieser Sekte. Es geht dabei um die Seelen toter Menschen, die selbst nach ihrem Tod noch in die Sekte aufgenommen werden können. Es werden extra Handlungen wie Abendmahl oder die Geistestaufe, die sogenannte „Versiegelung“ nur für tote Seelen angeboten. Das grenzt meiner bescheidenen Meinung nach extrem am Okkultismus.

Jedenfalls wurde ich in diese Sekte hineingeboren, bekam aber als Teenager und junge Erwachsene zunehmend Zweifel an der Lehre dieser Gemeinschaft. Immer mehr löste ich mich davon, was mir einige Streitereien mit meinen Eltern einbrachte. Denn nicht zweimal die Woche in den Gottesdienst zu gehen, war ein absolutes No-Go. Es gab heftige Streits und Diskussionen und irgendwann kündigte ich meinem Vater an, dass ich mit dem Gedanken spielte, aus der Sekte auszutreten. Allerdings glaubte er nicht, dass ich das wirklich tun würde.

Doch ich tat es wirklich. Am 10. November 2009 ging ich zum Standesamt meines Heimatortes und vollzog den Kirchenaustritt.

Dies war ein riesiger Schritt in die richtige Richtung. Denn ich wollte kein „Gotteskind“ mehr sein. Ich wollte ganz normal sein, so wie andere Menschen auch. Keine Auserwählte mehr – einfach nur das, als was ich geboren wurde: ein Mensch.

Es war eine riesige Befreiung, als ich die Sekte hinter mir ließ. Ich hatte plötzlich viel mehr Freizeit, denn zuvor hatte die Sekte sehr viel meiner freien Zeit verschluckt. Ich konnte mich endlich den Dingen widmen, die mir wirklich wichtig waren im Leben.

Aber natürlich war das am Anfang alles andere als leicht. Ich fiel in ein Loch, denn auf einmal brach ein riesiger Teil meines Lebens einfach weg. Freundschaften verliefen im Sand und meine Verwandten mied ich, wo ich nur konnte. Laut meines Onkels, wollten meine Großeltern mich sogar verstoßen. Doch er hatte das abgewehrt und dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Auch mit meinen Eltern gab es anfangs sehr viel Stress und als ich 2010 von zu Hause auszog, brach beinahe der Kontakt ab und wir sahen uns nur noch ganz selten. Das war aber notwendig, denn so konnten beide Seiten das Geschehene verarbeiten.

Meine Eltern hoffen bis heute, dass ich wieder zurück in die Sekte komme. Doch es ist mittlerweile so viel passiert, dass ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass das nie mehr geschehen wird. Ich liebe meine neugewonnene Freizeit und ich glaube nicht an die Lehre dieser Sekte.

Ich bin Agnostikerin und das ist gut so.

 

6 Kommentare

  1. Wow. Du bist echt sehr, sehr stark, dass du darüber so offen und detailliert sprechen kannst. Ich bin stolz auf dich, dass du diesen Schritt gewagt hast und bewundere dich sehr für deinen Mut.

    Vielen Dank, dass du das mit uns teilst!

    Liebe Grüße,
    Sarah

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.